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"Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur."
Max Frisch
LebensSpuren : Renate Welsh

Mit Büchern heimisch werden in der Welt

Heidi Lexe im Gespräch mit Renate Welsh

Dezember 2007 hat die österreichische Autorin Renate Welsh ihren 70. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass hat sie im Rahmen des Projekts „LebensSpuren“ einen sehr persönlichen Blick auf das Miteinander von Leben und Schreiben geworfen.


Liebe Renate Welsh, 70 Jahre Leben liegen nun bald hinter Ihnen. Sie haben mit Ihrem Leben und Schreiben deutliche Spuren hinterlassen. Haben solche Lebensspuren auch für Sie selbst Bedeutung? Können Sie mit dem Begriff Lebensspuren Erfahrungen zuordnen?

Renate Welsh: Ja sicher. Sowohl als lesender wie als schreibender Mensch kannst Du mit einem Stoff nur etwas anfangen, wenn es Häkchen in dir gibt, an denen sich die Erfahrungen der Protagonisten und Protagonistinnen festmachen lassen. Alles, was Du erfahren hast, und alles, was dir widerfahren ist, hinterlässt Spuren, die dann – komischerweise gerade dann, wenn sie weh getan haben – die Möglichkeit bieten, etwas festzumachen oder etwas zu entwickeln. Das autobiographische Schreiben ist nur eine der vielen Formen, bei denen Lebensspuren zum Tragen kommen.

Auffällig – und auch aufwändig – an Ihrem Werk ist ihr umfassendes Interesse für Menschen und deren Lebensbedingungen. Wo kommt dieses Interesse her?

Renate Welsh: Ich glaube, das hat seine Anfänge in der frühen Kindheit und dem Glauben daran, die Schuld an dem Tod meiner Mutter zu tragen, die an einem Gehirntumor gestorben ist, als ich vier Jahre alt war. Ich konnte mich wahrscheinlich selber nur aushalten, weil ich mich mit anderem beschäftigt habe. Es hat nichts mit Edelsinn zu tun, sondern mit dem Versuch, sich selbst zu ertragen.

Wie präsent waren diese Schuldgefühle?

Renate Welsh: Als Kind ist man gleichzeitig omnipotent und impotent und bekämpft ganz selbstverständlich den gleichgeschlechtlichen Elternteil, der einem in der Liebe zum anderen Elternteil „im Weg steht“. Wenn nun dieser gleichgeschlechtliche Elternteil zu exakt diesem Zeitpunkt stirbt, ist es selbstverständlich für einen, dass man Schuld trägt. Ich weiß also, dass ich ein Leben lang auf Bewährung gehe.

Inzwischen glaube ich aber, dass manches davon sogar noch weiter zurückgeht. Meine Mutter hat zwei Tage nach meiner Geburt in ihrem Tagebuch notiert, dass sie dem lieben Norbert (meinem Vater) so dankbar sei, dass er ihr nicht mehr böse ist, weil sie ihm keinen Sohn geschenkt hat. Von vornherein war ich also das falsche Geschlecht. Das Gefühl, ab origine eine Enttäuschung zu sein, das ist schon ein bisschen schwierig.

Sie sprechen diese kindliche Schuldgefühl auch in Ihrem Werk an – zum Beispiel im Roman „Dieda oder das fremde Kind“. Wie lange nimmt man solche Schuldgefühle mit?

Renate Welsh: Mit einer konkreten Schuld kannst Du umgehen, mit Schuldgefühlen nie. Das Gefühl, nicht zu genügen, bleibt einem. Andererseits ist es auch ein Motor, um Dinge zu tun, die man sonst vielleicht nicht getan hätte. Letzten Endes muss man sozusagen „daneben“ leben.

Gab es als Kind Strategien für dieses „daneben“ leben?

Renate Welsh: Es war ganz praktisch, dass mein Vater mich als „Laufburschen“ eingesetzt hat; dass ich allen möglichen Leuten ihre Medikamente gebracht habe, hat einerseits meinem kindlichen Größenwahn gut getan hat. Erwachsene Leute haben sich gefreut, wenn ich gekommen bin – zu Hause hat sich ja aus meiner Sicht alles meiner jüngeren Schwester zugewandt und ich war rasend eifersüchtig. Wenn Du also wo hinein kommst und die Leute freuen sich, dass Du da bist, auch wenn Du nie respektabel aussiehst, und sie erzählen Dir etwas, und Du merkst, wie sie lebendig werden im Erzählen – das hat mir wahnsinnig gut getan. Zuhören löst Blockaden – das ist eine Erfahrung, die ich heute in Schreibwerkstätten oder beim Recherchieren immer noch mache.

Zu den Lebensbedingungn, an denen Sie in ihrem Werk so großes Interesse zeigen, zählen immer auch psychische Befasstheiten. Sie waren zu Beispiel eine der ersten Autor/innen, die das Thema Depression explizit in die Kinderliteratur eingebracht hat.

Renate Welsh: Ja, einfach weil ich gesehen habe, wie oft Depression eine Rolle in Familien spielt. Ich habe schwer depressive Menschen und deren Unglück erlebt – ein Unglück, dass unweigerlich alles rund um diese Menschen herum einfärbt.
Und damals, bevor ich begonnen habe, „Disteltage“ zu schreiben, habe ich mehrere Briefe von Mädchen bekommen, die offensichtlich mit den Depressionen ihrer Mütter und mit den eigenen Schuldgefühl nicht klar gekommen sind – denn als Kind fühlst du dich natürlich immer schuldig …
Man geht ja immer davon aus, dass alles, was man tut, einen unmittelbaren Zweck und Sinn hat. Und doch gibt es so viele Formen von Arbeit, deren Mehrwert für andere nicht sichtbar ist. Berufstätige Müttern zersprageln sich um etwas zu tun, von dem sie genau wissen, dass es morgen erneut getan werden muss. Und leider wird keiner glücklicher, nur weil der Fußboden glänzt …

Die Last der Verantwortung, die das Kind in „Disteltage“ zu tragen hat, ist ja beinahe erdrückend.

Renate Welsh: Es gibt so viele Kinder, die auf die eine oder andere Art für das Zusammenschweißen einer nicht mehr vorhandenen Beziehung zwischen den Eltern oder für weiß der Himmel verantwortlich gemacht werden.

Lebensspuren haben immer auch mit Spurensuche zu tun. Sie betreiben Ihr Interesse, den Lebensspuren anderer Menschen nachzugehen, mit sehr großem Aufwand. Ist das Lust an der Recherche oder an Geschichte?

Renate Welsh: Mir macht das Recherchieren einen unheimlichen Spaß. Das ist etwas, was ich echt gerne tue. Auszuprobieren, wie sich durch das Nach-Denken und Nach-Fühlen die richtige Frage finden lässt, die dann für andere Menschen eine Auslöserfunktion hat – das ist einfach schön.

Sie versuchen, ihre Spurensuche immer auch zu versprachlichen: Im Porträt von Dorothea Neff aus dem Band „In die Waagschale geworfen“ ist der Satz zu lesen: „So ähnlich kann es gewesen sein, oder auch ganz anders“. Wie wichtig ist Ihnen dieses Moment der Unsicherheit?

Renate Welsh: Das hat mit jenen Leerstellen zu tun, die mein Erzählen bestimmen. Dieses Offensein dafür, dass Du mit allen Versuchen dich hineinzudenken in ein fremdes Leben – oder ins eigene – gerade dann, wenn Du eine logische Folge zu erkennen meinst, doch in die Irre gehen kannst. Denn in Wirklichkeit ist die gerade Linie ja nicht unbedingt die nächste Verbindung zwischen zwei Punkten – das glauben wir ja nur, weil wir die Grundbegriffe der Geometrie verinnerlicht haben.

In Ihrem Roman „Das Lufthaus“ heißt es am Beginn: „Du hast Dich in meinem Kopf eingenistet, bist dort gewachsen, hast eine eigene Gestalt angenommen. Ich versuche diese Gestalt an der Wirklichkeit abzuprüfen.“ In der Folge wird das Dokumentarischen ist immer ganz wichtig in wird mit dem Erzählen verknüpft. Was erscheint Ihnen so reizvoll an dieser Kombination?

Renate Welsh: Vielleicht die Tatsache, dass ich Punkte brauche, an denen ich mich anhalten kann. Das sind die recherchierten Punkte. Doch es gibt so etwas wie ein überrecherchiert Sein. Wenn Du zu viele Punkte zum Anhalten hast, findest Du keinen Weg mehr. Man merkt: Hoppala, ich habe da jetzt zwar furchtbar viele Punkte, aber das, worauf es mir ankommt, habe ich noch immer nicht. Dann nutze ich meine erzählerischen Freiräume.

Ihr Interesse an den Lebensspuren anderer Menschen inkludiert auch ihre Bereitschaft, an ungewöhnlichen Schreibprojekten teilzunehmen. Sie betreuen zum Beispiel eine Schreibwerkstatt mit obdachlosen Menschen oder haben mehrere Schreibwerkstätten mit Bergbäuerinnen begleitet – eine davon sogar in Afrika. Was reizt Sie an so ungewöhnlichen Konstellationen?

Renate Welsh: Ich denke, es ist die Möglichkeit, völlig andere Lebensarten kennen zu lernen, als die eigene. Dazu kommt: Solange Du selbst schreibst, hast Du immer wieder Zweifel, ob das, was du tust, überhaupt sinnvoll ist. Aber wenn Du merkst, dass Menschen – gerade weil ihnen das Schreiben nicht so etwas Alltägliches und nicht Teil ihrer Rechtfertigung vor der Welt ist – in dem Moment, in dem ihnen ein Satz glückt und andere in der Gruppe das wahrnehmen, ein so tiefes Glücksgefühl empfinden können, dann empfindest du das gleiche Glück darüber, dass Du so etwas auslösen kannst.

Über das Sprachliche hinaus haben Sie in und mit ihrem Werk immer auch großes Interesse an anderen Darstellungs- und Ausdrucksformen gezeigt. 1989 ist zum Beispiel ihr Fotobilderbuch „Stefan“ erschienen. Ein anderes Beispiel für eine solche Darstellungsvielfalt war eine Lesung, die Sie gemeinsam mit Lis Neudecker gehalten, die ihre Texte dabei simultan in Gebärdensprache übersetzt hat. Worin liegt ihr Interesse, so deutlich über den Text hinaus zu gehen?

Renate Welsh: Das hängt auch mit meiner Vorstellung zusammen, was Lesen überhaupt ist. Ich glaube, dass Lesen über den Text hinausgeht. Daher meine Neugierde auf andere Formen.

Welche Bedeutung hat das Lesen für Sie?

Renate Welsh: Ich glaube, dass man lesend Möglichkeiten in einer Realität sieht, die man sonst gar nicht gesehen hätte. Das hängt damit zusammen, dass ich immer identifizierend lese. Ich tue mich sehr schwer mit distanzierendem Lesen. Das Lesen bietet die Möglichkeit, die eigenen multiplen Ansätze zu erproben; und: Lesen bietet, so altmodisch das auch klingen mag, die Möglichkeit, ein Stück heimisch zu werden in der Welt.

Ich danke für das Gespräch?

 


"Das Leben buchstabieren" - die Festvorlesung von Renate Welsh zur Feier ihres 70. Geburtstages

Renate Welsh, geboren 1937, ist eine der renommiertesten AutorInnen Österreichs. Seit 1969 hat sie Texte in allen kinder- und jugendliterarischen Sparten veröffentlicht, gehörte zum AutorInnenkollektiv des „Sprachbastelbuchs“ und schrieb sich mit ihrem in der österreichischen Zwischenkriegszeit angesiedelten Roman „Johanna“ in den Kanon des zeitgeschichtlichen Jugendromans ein.

Ihr Kinderbuch „Das Vamperl“ zählt bis heute zu den erfolgreichsten Kinderbüchern des deutschsprachigen Raums. 1995 wurde Renate Welsh für ihr Gesamtwerk mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet, kurz zuvor erschien mit „Das Lufthaus“ ihr erster Roman für Erwachsene. Große Aufmerksamkeit erlangte sie 2002 mit ihrem autobiografischen Kinderroman „Dieda oder Das fremde Kind“, für den sie auch mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Anlässlich Ihres 70. Geburtstags wurde Renate Welsh von der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung eingeladen, eine Festvorlesung an der Universität Wien zu halten. Diese Festvorlesung mit dem Titel „Das Leben Buchstabieren“ wurde von der STUBE in der Schriftenreihe Fokus veröffentlicht – ergänzt durch ein umfassendes Interview über die Entwicklung Ihres Schreibens sowie Beiträge über Ihre Schreibwerkstätten und unterschiedliche Aspekte ihrer Kinder- und Jugendbücher.

Dieses Skriptum kann zum Preis von € 7,- plus Versand bestellt werden: stube@stube.


Dr. Heidi Lexe ist Leiterin der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur, Lehrbeauftragte am Germanist. Institut der Uni Wien, Stv. Vors. der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung und Rezensentin der bn.


Besprechungen von Büchern von Renate Welsh auf "Rezensionen online"


 

 

 

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