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"Ich finde das Alter nicht arm an Freuden; Farben und Quellen dieser Freuden sind nur anders."
Alexander von Humboldt

Ines Doujak : “Dirty old woman”

Dirty old woman

Ein Interview von Michaela Gründler (Zeitschrift 'Apropos') mit der Künstlerin Ines Doujak

Im April 2006 erregte sie in Salzburg Aufsehen, sie und ihre „Dirty old women“, die im Kunstverein Schicht um Schicht eine Menge an Altersklischees abbauten. Die 47-jährige Wiener Künstlerin Ines Doujak erzählt im Gespräch über attraktive, alte Frauen, den Generationenvertrag und verhandelbares Alter.


 

Sie haben kürzlich ältere Frauen durchaus erotisch über den Laufsteg schweben lassen. Auf welche Altersklischees sind Sie im Zuge Ihrer Kunstaktion „Dirty old women“ gestoßen?

Einerseits auf die gebrechlichen Alten, denen auch jegliche Sexualität abgesprochen wird und die nur mehr als pflegebedürftig wahrgenommen werden. Und dann natürlich auf dieses stark forcierte Bild von den ewig jungen Alten, die möglichst keine Sozialleistungen in Anspruch nehmen und bis ins hohe Alter fit bleiben.

Das hat auch sehr stark mit dem Generationenvertrag zu tun, der gerade aufgekündigt wird, und mit Diskussionen wie „Die Alten werden immer älter, die Jungen immer weniger. Wir können nicht mehr gewährleisten, dass die Alten ihre Pension bekommen“. Ich denke, es gibt einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Klischee dieser Superfitten und dieser Haltung. Vor zwei Jahren gab es diese 15.000 alten Menschen, die in Frankreich an Hitze gestorben sind. Was bei uns unbemerkt geblieben ist, war, dass es heuer zu Pfingsten einen verordneten Solidartag der französischen Regierung gab, der in Frankreich zu heftigen Diskussionen geführt hat: Dass Arbeitnehmer einen Tag gratis arbeiten mussten und dieses Geld an den Staat abgeführt wurde für alte Menschen, für Betreuungseinrichtungen, da klaffte diese gesellschaftliche Kluft noch einmal auseinander.

Warum Dirty Old Women?

Es gibt ja diesen Begriff des „dirty old man“, der sexuell besetzt ist. „Dirty old woman“ gibt es hingegen nicht. Und der Titel spielt natürlich ein bisschen mit dem Klischee von Alter, das auch mit Schmutz gleichgesetzt wird – und versucht gleichzeitig, diese Figur der sexuell attraktiven, alten Frau, die begehrenswert ist, einzuführen.

War es schwer, an Models zu kommen?

Nein, ganz leicht. In Salzburg habe ich über den Verein Kulturreif einen offenen Brief ausgeschickt und die ersten 15, die sich gemeldet haben, sind dann zu dem Workshop gekommen. Es gab über 40 Anmeldungen. Jene, die wollten, waren dann Performerinnen bei der Modenschau anlässlich der Eröffnung. Die älteste war 74, die jüngste 23. Es gibt gesellschaftliche Gruppen, die sich nicht adäquat gespiegelt sehen und die wirklich auch ein Bedürfnis nach Bildern haben, die etwas anders sind als die, die in der Regel vorgesetzt werden.

Ab wann gilt man als alt?

Alter ist keine feststehende Kategorie, es ist im Prinzip total verhandelbar. Es ist auch eine Frage der eigenen Perspektive. Meine 18-jährige Tochter findet etwa 25-Jährige uralt. Das Alter ist meiner Meinung nach – und das klingt jetzt etwas basisfeministisch – ein bisschen ein Disziplinierungsinstrument für alle Frauen in der Gesellschaft. Das heißt, wenn ich meine Tochter dabei sehe, wie sie Anti-Faltencremes benützt, denk’ ich mir: Das ist absurd! Und trotzdem ist da etwas, womit sie rechnet. Die Erfahrung des Alterns hat ja auch geschlechtsspezifische Konsequenzen. Frauen sind anders und früher vom Alter betroffen als Männer, auch was die negativen Stereotype anbelangt.

Wie lassen sich diese Altersklischees aufbrechen? Reicht da die Kunst?

Letztendlich ist der Einflussbereich der Kunst begrenzt. Es gibt ein kulturelles Archiv an Bildern und da versuch’ ich halt, andere Bilder einzuspeisen, dass sich tatsächlich was verändert. Die Salzburger Ausstellung war ungemein erfolgreich und extrem stark besucht – was sehr ungewöhnlich ist. Die teilnehmenden Frauen waren total begeistert, dass ihnen eine solche Erfahrung ermöglicht wurde, sodass sie viele Leute eingeladen haben. Es war so toll, wie sie sich auf dem Laufsteg entfaltet haben. Die Zuschauerinnen und Zuschauer waren so ergriffen, ein Drittel hat geheult.

Was hat diese Aktion im Leben der Frauen bewirkt?

Eine hat zum Beispiel immer davon geträumt, als Tänzerin aufzutreten, die ist über 60. Und tatsächlich hat sie das danach dann gemacht. Eine andere hat eine Einladung bekommen, bei einer Theatergruppe mitzuspielen. Eine dritte, die mit ihren 74 Jahren als Model arbeitet, hat Unmengen an Aufträgen bekommen.

Vorher hat man immer Angst, Kategorien und Normen zu verletzen. Aber wenn man bestimmte Schritte getan hat, dann sind diese Barrieren, die man so in sich trägt und die einem die Gesellschaft so aufdrückt, nicht mehr so wahnsinnig stark, dann geht es weiter. Nicht immer, aber man hat diese Möglichkeit bei „Dirty old women“ deutlich gesehen.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Prozess des Alterns um?

Total gelassen. Ich finde das Alter toll, immer schon. Ich fotografiere sehr viel, und alte bzw. ältere Menschen sind da wesentlich interessanter: Weil mehr Geschichte da ist, die in den Körpern eingeschrieben ist, durch Falten oder was auch immer.


 

Michaela Gründler / Apropos

 

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