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"Nicht Menschen, sondern Sitten sind zu fürchten, nicht das fremde Ich, sondern das eigne."
Jean Paul

“Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding”

"Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding" - unter diesem Zitat aus Hofmannsthals “Rosenkavalier” steht der Aufsatz von Renate Langer, in dem sie auf den Spuren der älteren Frau einen Streifzug durch die Literaturgeschichte unternimmt. Welche Frauenbilder begegnen uns in der älteren und der neueren Literatur und welches gesellschaftliche Rollenverständnis lässt sich daraus ablesen
Bild: Van Gogh: L'Arlesienne

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Die ersten beiden Kapitel aus diesem Aufsatz:

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Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding

„Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen“, beginnt Ingeborg Bachmann ihre Erzählung „Das dreißigste Jahr“ (1961). Der männliche Protagonist erschrickt dennoch, als er sein erstes weißes Haar entdeckt:

Es soll stehen bleiben, und wenn es nach ein paar Tagen ausgefallen ist und so rasch kein anderes mehr erscheint, werde ich doch einen Vorgeschmack behalten und nie mehr Furcht empfinden vor dem Prozeß, der mir leibhaftig gemacht wird.

Der dreißigste Geburtstag, traditionell ein Markstein auf dem Lebensweg, macht erstmals das unaufhaltsame Verrinnen der Zeit bewusst. Auch Friedrich Hölderlin war um die dreißig, als er sein berühmtes Gedicht „Hälfte des Lebens“ schrieb. Das dreißigste Jahr galt als krisenanfällige „Halbzeit“, bis die Lebenserwartung stieg und die Midlife Crisis aufgeschoben wurde.
Ab wann ist eine Frau alt? Welchen ungeschriebenen Gesetzen ist sie unterworfen? Simone de Beauvoir, die sich wie wenige Autorinnen immer wieder mit dem Altern literarisch auseinandergesetzt hat, schildert in ihrem autobiographischen Buch „Der Lauf der Dinge“ (1963) persönliche Erfahrungen:

'Sie erinnern mich an meine Mutter’, sagt eine dreißigjährige Frau zu mir. An allen Ecken springt mir die Wahrheit ins Gesicht (…). Eines Tages habe ich mir gesagt: ‘Ich bin vierzig Jahre alt.’ Als ich mich von diesem Staunen erholt hatte, war ich fünfzig. Die Betroffenheit, die mich damals überfiel, hat sich nicht gegeben.

Der nicht gerade als Frauenfreund bekannte Philosoph Arthur Schopenhauer fällte in seiner „Metaphysik der Geschlechtsliebe“ (1819) ein unbarmherziges Urteil:

Die oberste, unsere Wahl und Neigung leitende Rücksicht ist das ALTER. Im Ganzen lassen wir es gelten von den Jahren der eintretenden bis zu denen der aufhörenden Menstruation, geben jedoch der Periode vom achtzehnten bis achtundzwanzigsten Jahre entschieden den Vorzug. Außerhalb jener Jahre hingegen kann kein Weib uns reizen: ein altes, d. h. nicht mehr menstruirtes Weib erregt unsern Abscheu. Jugend ohne Schönheit hat immer noch Reiz: Schönheit ohne Jugend keinen.


Die Zeiten haben sich gewandelt - oder doch nicht? Zweifel am Fortschritt tauchen auf angesichts von Stellenangeboten wie dem folgenden: „Gesucht: Erfahrene Sekretärin, sehr gute PC-Kenntnisse, idealerweise 23-35 Jahre alt…“

Fest steht immerhin, dass sich der Anfang des Alters in der gesellschaftlichen Wahrnehmung langsam, aber stetig nach oben verschiebt. Ein Indiz dafür ist der Vergleich zwischen thematisch verwandten, aber in verschiedenen Epochen entstandenen Werken der österreichischen Literatur.

Von Grillparzer bis Jelinek

Franz Grillparzers „Sappho“ ist nicht nur die Tragödie eines Menschen, der sein Leben der Kunst geweiht hat, sondern auch das Drama einer alternden Frau. Die Titelheldin verliert ihren Geliebten an ein halbwüchsiges Mädchen. In des Dichters harten Worten:

Sappho ist in der Katastrophe ein verliebtes, eifersüchtiges, in der Leidenschaft sich vergessendes Weib; ein Weib, das einen JÜNGERN Mann liebt. In der gewöhnlichen Welt ist ein solches Weib ein ekelhafter Gegenstand.
Doch wie alt ist Sappho eigentlich? Auguste von Littrow-Bischoff berichtet, Grillparzer habe sie sich als „etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahre alt“ gedacht. Aus dem Stück geht allerdings hervor, dass sie etwa dreißig Jahre alt sein dürfte.

„Die Sappho muß um ein gut Stück älter aussehen (als ihre Rivalin) und doch nicht übel sein“,

verfügte Grillparzer. Er meinte, es stünde dem Geist des Stücks entgegen, daß ältere oder reizlose Frauen diese Rolle spielten, weil Entsagung in der Liebe von Seiten der Frau in reiferen Jahren allzu sehr in der Ordnung der Natur liegt.

Zum Trost sei festgehalten, dass Burgtheaterstar Sophie Schröder immerhin 37 Jahre alt war, als sie in der Uraufführung 1818 die Sappho gab und dem Stück zu einem grandiosen Erfolg verhalf. Zwei Jahre zuvor hatte sie in der Wiener Gesellschaft für einen Skandal gesorgt, als sie sich einen 26-jährigen Geliebten zulegte. Damals wie heute nahmen sich Schauspielerinnen unbürgerliche Privilegien heraus, und so manche anständige Frau verbarg ihren Neid hinter sittlicher Entrüstung.

Im Gegensatz zu Sappho ist die Marschallin im „Rosenkavalier“ (1911) eine edle Entsagende. Feinsinnig räsoniert sie über das unaufhaltsame Verrinnen der Zeit:

(…) wie kann das wirklich sein,
daß ich die kleine Resi war,
und daß ich auch einmal die alte Frau sein werd…
die alte Frau, die alte Marschallin! (…)
Wie macht denn das der liebe Gott?
Wo ich doch immer die gleiche bin.
Und wenn er’s schon so machen muß,
warum läßt er mich denn zuschau’n dabei,
mit gar so klarem Sinn? Warum versteckt er’s nicht vor mir? (…)
Das alles ist geheim, so viel geheim.
Und man ist dazu da, (…) daß man’s ertragt.
Und in dem ‘Wie’, (…)
da liegt der ganze Unterschied.

Wer die Oper kennt, wird überrascht sein, dass die Heldin in der Vorstellung des Autors Hugo von Hofmannsthal und des Komponisten Richard Strauss „höchstens zweiunddreißig“ ist.

Ihre spätgeborene Schicksalsgenossin Elisabeth Matrei, die Hauptfigur von Ingeborg Bachmanns Erzählung „Drei Wege zum See“ (1972), ist immerhin bereits fünfzig Jahre alt, als sie mit Hofmannsthal’scher Anmut, Noblesse und einer Prise Ironie ihren jüngeren Geliebten dessen noch jüngerer Freundin überlässt. Ihr Verzicht wirkt aus heutiger Sicht indessen keineswegs zeitgemäßer als die Empörung und die rasende Eifersucht der Rebellin Sappho, die sich dem „Lauf der Dinge“ widersetzt und daran zerbricht.
Grillparzer hat die Tragödie einer alternden Frau nicht harmonisiert und beschönigt. Die überraschende Modernität hinter seinen oft sperrigen Versen dürfte auch Elfriede Jelinek angesprochen haben. Ihre Prosa „Begierde und Fahrerlaubnis. Eine Pornographie“ (1986) enthält neben vielen anderen intertextuellen Bezügen u. a. auch zahlreiche Anspielungen auf Grillparzers Stück. Wie in dem 170 Jahre zuvor entstandenen Text begehrt eine ältere Künstlerin und Intellektuelle einen schönen, geistig unbedarften jungen Mann. (Grillparzers Sappho hatte sich bei den Olympischen Spielen in einen Wagenrennfahrer verliebt!) Die Frage von Jelineks monologisierendem Ich, „was habe ich schon zu bieten“, klingt fast wörtlich an Sapphos Verse an:

Was kann ich, Arme, denn dem Theuern bieten?
In seiner Jugend Fülle steht er da (…).

Renate Langer

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