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"Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen."
Afrikanisches Sprichwort

Der Großvater im rostroten Ohrensessel

Zugänge zu einem besonderen Bilderbuch

 

Der Großvater im rostroten Ohrensessel:
/ Jutta Treiber. Jens Rassmus - Wien : Dachs, 2006. - [13] Bl. : durchg. Ill. (farb.)
ISBN 978-3-85191-408-2 fest geb. : ca. € 13,90

Rezensionen

 

Impulse und Zugänge von Astrid Frey

Zum Inhalt

Ein Mädchen erzählt von seinem Großvater: Er sitzt in seinem rostroten Ohrensessel, hat weiße Haare, einen Schnurrbart und lustige Falten im Gesicht, er trägt feine Anzüge und duftet nach Parfum. Er tut fast gar nichts: er hört kein Radio, schaut kein Fernsehen, geht nicht spazieren, aber er ist immer da, freundlich und sanft, liest Bilderbücher vor und hört sich die Sorgen seiner Enkelin an. Sonntags geht das Mädchen mit den Eltern auf den Friedhof zu dem anderen Opa, den sie gar nicht kennt. Und sie besuchen im Krankenhaus den Großvater, der im Rollstuhl sitzt, nicht mehr richtig sprechen kann und in dessen Zimmer es seltsam riecht. Aber zuhause ist der Opa im rostroten Sessel, der vorliest, zuhört und mit dem man aus dem Fenster fliegen kann, um auf dem Kastanienbaum in den Mond zu schauen.

Die Illustration

Grüntöne in allen Schattierungen prägen das Buch: der dunkel-türkisfarbene Boden des Kinderzimmers, das hauptsächlicher Handlungsort ist, der hellgrüne Kuschelhase mit den langen Löffeln, der ständiger Begleiter auf allen Buchseiten ist – von frühlingsgrün bis dunkelgrün taucht die Farbe überall auf, sogar die Nacht ist grün. Als Kontrapunkt dazu steht der Ohrensessel des Großvaters im komplementären Rostrot. Die „Wände“ des Kinderzimmers zeigen eine beinahe durchsichtige, surreal anmutende Phantasiewelt, die sich mit Schraffierungen und Umrisszeichnungen deutlich von der flächigen, satten Farbigkeit der Handlungsebene abhebt. Die Bilder zeigen eine tiefe Liebe zwischen Großvater und Enkelkind. Besonders hervorzuheben ist die Darstellung, als der Großvater nach den Sorgen fragt und das Mädchen sich ihm anvertraut: inmitten einer – natürlich grünen – tobenden See steht uneinnehmbar der rostrote Sessel auf dem türkisfarbenen Boden des Kinderzimmers mit einem Opa, der seine Enkelin behütet.

Gedanken zum Text

Der knappe, auf das Wesentliche reduzierte Text lässt sehr viel Raum für die Emotionen der Betrachtenden. Obwohl das Thema „alt sein - krank werden“ bedrücken könnte, schwebt die Darstellung eher heiter, strömt Gelassenheit, Verständnis und Geborgenheit aus. Wunderschön in diesem Zusammenhang ist auch die Formulierung: “Ich möchte ihn so gern lieb haben wie früher, aber ich hab ihn jetzt so traurig lieb.“, gedacht im Angesicht des kranken Opas. Hier schlüpft die Ich-Erzählerin in die Rolle der Stärkeren. Diese Stärke kann sie aus der lebendigen Erinnerung nähren, denn hier wartet der Opa mit dem vertrauten Bilderbuch. Diese Erinnerung ist die zweite Ebene des Buches, die der Illustrator mit einer weiteren Dimension anreichert, in der das Bilderbuch zu sehen ist, das von dem ungleichen Paar angeschaut wird.

Vielen, aber sicher nicht allen Kindern wird dieses Hin-und-her-pendeln zwischen den Ebenen „Wirklichkeit“ und „Erinnerung“ gut gelingen, wobei uns das Buch im unklaren darüber lässt, ob bereits die ersten Seiten, als der Großvater beschrieben wird, der Erinnerung zuzuordnen sind oder diese Dimension erst einsetzt, nachdem das Mädchen im Krankenhaus war. Fazit: Ein leises Buch, das tiefen Eindruck machen kann.

Die folgenden Bausteine sind für Kinder ab vier Jahren geeignet. Bei allen Gesprächen über Großeltern muss bedacht und beachtet werden, dass heute kein einheitliches Bild dieser Generation besteht: Großeltern können jung geblieben und agil sein und erst die Urgroßeltern entsprechen der Darstellung des Bilderbuch-Opas. Großeltern können gestorben sein oder weit weg wohnen, so dass kein enges Band bestehen kann. In Patchwork-Familien kann es mehrere Personen der Großeltern-Generation geben, aber nicht alle können oder wollen diese Rolle übernehmen.

Baustein 1

Im Kindergarten kann das vorliegende Buch innerhalb eines Generationen-Projektes, bei der Vorbereitung eines Oma-Opa-Festes o.ä. eingesetzt werden: Zunächst erarbeitet die Gruppenleiterin das tatsächliche Großvater-Bild der teilnehmenden Kinder (z.B. durch Erzählen-lassen oder Fotomappen-Bilder aussuchen). – Daran anschließend wird das Bilderbuch betrachtet und vorgelesen. Nun können die Vorstellungen verglichen werden: Wie ist der Opa im Bilderbuch? Worin unterscheiden sich die Opas der Kinder vom Bilderbuch-Opa? Als Abschluss kann eine bildliche Darstellung angeregt werden: in einer Collage werden ganz viele Bilder von Großvätern ausgeschnitten und aufgeklebt; oder die Kinder gestalten Einzelbilder, die aufgehängt werden und bei passender Gelegenheit präsentiert werden.

Baustein 2

Hier steht nicht die inhaltliche Bearbeitung im Vordergrund, sondern die farbliche Gestaltung des Buches. Dazu steht eine Ausmalvorlage zur Verfügung, die unter www.borro.de, Kinder lieben Bilderbücher, Thema „Trauer“ zu finden ist. Dies ist eine Seite aus dem Bilderbuch, in der der Kontrast zwischen der luftigen Weite des Hintergrundes und der satten Farbigkeit der Handlungsebene zum Tragen kommt. – Nach einer ausführlichen Betrachtung des Bilderbuches kann die Gruppenleiterin – soweit die Kinder noch nicht selbst darauf hingewiesen haben – die beiden unterschiedlichen Illustrationstechniken zeigen und beschrieben lassen. Dieser Gegensatz kann dann von den Kindern zunächst großflächig mit unterschiedlichen Techniken (z.B. Fingerfarben, Wasserfarben, Holzmalstifte) ausprobiert werden, bevor die Ausmalvorlage gestaltet wird.

Baustein 3

Eine Lieblingsbeschäftigung von Großvater und Enkelkind ist das Vorlesen. Obwohl die Ich-Erzählerin die Geschichte längst auswendig kennt, werden so die anderen/zusätzlichen Aspekte des Vorlesens in der Vordergrund gerückt, allen voran das Gefühl der Geborgenheit. – Hier anknüpfend kann mit den Kindern ihr eigenes Vorlese-Erleben reflektiert werden: Welches ist mein Lieblingsbuch? Wer liest mir vor? Wo ist es mir am liebsten? Was mag ich besonders am Vorlesen? Kinder, denen das Vorlese-Erlebnis (noch) fremd ist, können hier behutsam an dieses wichtige Tun herangeführt werden. Als Abschluss kann z.B. eine Ausstellung mit Lieblingsbüchern entstehen, oder Eltern können dazu angeregt werden, andere Vorlese-Situationen auszuprobieren. Es kann auch am Beginn einer Aktion stehen, Vorlese-Paten zu gewinnen.

Baustein 4

Großeltern werden alt und manchmal so krank, dass sie ins Krankenhaus müssen. Sie verändern sich so, dass man sie jetzt „traurig lieb“ haben muss. Diese Erfahrung wird im vorliegenden Bilderbuch ganz behutsam angesprochen und ist als Möglichkeit zum Gespräch angelegt, ohne dass es sich aufdrängt. Kinder, die diese Erfahrung in ihrer persönlichen Situation auch machen, können hier ein Angebot zur Identifikation erleben. – Die begleitende Person kann erzählen lassen, wie das Leben vorher war und wie es jetzt ist. Damit wird der Trauer über diese Veränderung Raum gegeben und gleichzeitig die Kraft der Erinnerung gestärkt. In Anlehnung an die illustratorische Gestaltung des Bilderbuches mit zwei Ebenen kann eine ähnliche Darstellung angestrebt werden: hier das tatsächliche Erleben in kräftigen Farben, dort die Erinnerung in anderer Technik.

Astrid Frey ist Religionspädagogin, Kirchliche Büchereiassistentin, Bücherleiterin in Bühlertal und Rezensentin des Borromäusvereins.
Dieser Artikel erschien in "BiblioTheke", der Zeitschrift für katholische Bücherei- und Medienarbeit. Ausgabe 3/2007, S. 44-45. Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber.

www.borro.de

 

 

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