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"Einander kennenlernen heißt lernen, wie fremd man einander ist."
Christian Morgenstern
Literaturkreis im Altenheim

Reisen durch die Erinnerung

: ein Literaturkreis im Jüdischen Altenheim in Düsseldorf

von Daniel Hoffmann

Seit dem März 2008 leite ich im Nelly-Sachs-Haus, dem Elternheim der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, jeden Mittwoch vormittag für eine Stunde einen Literaturkreis. Als mein Vater im Februar 2008 im Jüdischen Altenheim starb, in dem er vier Jahre lang gelebt hatte, war es mir ein Bedürfnis, den herzlichen Kontakt und die innige Verbundenheit, die sich in den Jahren zuvor entwickelt hatten, nicht abreißen zu lassen. Mein Angebot, für die Senioren einen Literaturkreis einzurichten, wurde dankbar angenommen. Seither lese ich jeden Mittwoch literarische Texte vor, zumeist Kurzprosa oder kleine Erzählungen, manchmal auch Gedichte. Die Texte geben den Teilnehmern immer wieder Anlaß entweder zu Erinnerungen an ihre eigenen Lektüren oder zu Erinnerungen an Selbsterlebtes.

Zu meinem Literaturkreis kommen regelmäßig zwischen fünf und acht Heimbewohnern. Einige sind schon über 90 Jahre alt. Unter ihnen sind deutsche und russische Juden. Ihre Lebenserfahrungen, ihre Bildungswelten und ihr Erinnerungsvermögen faszinieren mich immer wieder. Ein in Berlin kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges geborener Jude fragte mich einmal, als ich den längst vergessenen jüdischen Dichter Hugo Zuckermann (1881-1914) vorstellte, der bereits im ersten Kriegswinter an seinen Verletzungen starb, ob dies nicht der Dichter des bekannten „Reiterliedes“ sei. Und er zitierte sogleich die für die meisten Menschen verschollenen Anfangsverse: „Drüben am Wiesenrand/ Hocken zwei Dohlen –/ Fall’ ich am Donaustrand?/ Sterb’ ich in Polen?“

Vor ein paar Wochen habe ich von meiner Reise nach Moskau zu einer Konferenz über deutsche Literatur erzählt. Diejenigen russischen Zuhörer, die selbst in Moskau gelebt und gearbeitet haben, ergänzten meine Eindrücke von der Stadt und ihren Menschen durch zahlreiche Erzählungen. Ich habe viel über die Lebensumstände der Menschen in der Sowjetunion erfahren, aber auch über die oft schwierigen und schmerzhaften Wege, als russischer Jude in kommunistischen Zeiten aufgewachsen zu sein.

Eine Woche danach las ich aus Else Lasker-Schülers Erinnerungen an ihre Reisen nach Palästina, die 1937 unter dem Titel „Das Hebräerland“ erschienen. Unter den Teilnehmerinnen waren drei Frauen, die als Kinder bzw. als junge Frauen in den dreißiger Jahren mit ihren Familien nach Palästina auswandern und damit dem Holocaust entgehen konnten. Die literarische Verarbeitung der Dichterin von ihren Palästinaerlebnissen verglichen sie mit ihren eigenen Erfahrungen in einem Land, in dem es für eingewanderte Juden zunächst einmal die Pionierarbeit der Fruchtbarmachung des Bodens und des Aufbaus einer Infrastruktur zu bewältigen gab. Und nicht zu vergessen: die besondere Situation der oft belächelten deutschen Juden, der Jeckes, die, mit hochangesehenen bürgerlichen Berufen vertraut, plötzlich als zionistische Arbeiter Steine von den Feldern räumten und Straßen anlegten. Die drei Frauen erzählten von den Problemen ihrer Eltern, Ivrith, das moderne Hebräisch, zu erlernen, was ihnen als Kindern viel leichter fiel. Eine Frau erzählte von der kleinen Pension, die sie mit ihrem Mann betrieb. Eine andere, wie sie als junges Mädchen einem Juristen mit zweifachem Doktortitel, der in der Pension seiner Frau als „Zimmermädchen“ diente, Tischwäsche überreichte.

Seit ein paar Wochen lese ich jeden Mittwoch die „Sagen und Legenden aus Israel“ des Rabbi Samuel Cahana vor, die 1980 auch in einer deutschen Übersetzung erschienen sind. Cahana, einst Rabbiner in der Jerusalemer Altstadt, hat diese Sagen aus dem Schatz der Volksüberlieferung gesammelt, zum Teil aber auch im Geiste der jüdischen Tradition der lehrreichen Erzählung erfunden. In seinen erfundenen Sagen schlägt Cahana gekonnt den Bogen von der biblischen Zeit bis in die Gegenwart des modernen Staates Israel, in dem er die Spuren jüdischen Geistes noch immer unverändert wiederzuerkennen vermag. Cahanas Buch mit seinen zahlreichen Gleichnissen für die schmerzhaften, aber auch tiefsinnigen Aspekte jüdischen Lebens ist für die Teilnehmer des Literaturkreises zu einer wahren Schatztruhe geworden, die sie mit ihren eigenen Erinnerungen an ihr Leben in Israel und mit ihrem reichhaltigen Wissen vom Judentum selbst immer noch ein bischen zu ergänzen vermögen.

Lebensspuren meines Vaters

Vor zwei Jahren habe ich auf der Grundlage von Dokumenten, Briefen und Aufzeichnungen meines Vaters seine Kindheitsjahre als jüdischer Junge in Iserlohn und seine KZ-Jahre in Auschwitz und Buchenwald unter dem Titel „Lebensspuren meines Vaters. Eine Rekonstruktion aus dem Holocaust“ veröffentlicht. Die Erzählungen der Teilnehmer meines Literaturkreise sind weitere kostbare Lebensspuren, die nicht nur furchtbare Erlebnisse, sondern auch unschätzbare Erfahrungen aufbewahren, Einsichten in die unterschiedlichsten Lebenswege jüdischer Menschen aus einem Zeitalter, in dem trotz allem der Geist der jüdischen Tradition und die Menschlichkeit lebendig waren.

Hoffmann, Daniel: Lebensspuren meines Vaters [Rezension]
: eine Rekonstruktion aus dem Holocaust / Daniel Hoffmann - Göttingen : Wallstein Verl., 2007. - 253 S. : Ill.
ISBN 978-3-8353-0149-8    fest geb. : ca. € 24,30


Daniel Hoffmann Prof. Dr. Daniel Hoffmann, Jg. 1959, ist außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Lehrbeauftragter an der Universität Düsseldorf.

 



 

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