Hintergrundbild
"Wir leben in einer Zeit vollkommener Mittel und verworrener Ziele."
Albert Einstein
Osteuropäische Migrationsliteratur in Österreich

Neue Perspektiven

Osteuropäische Migrationsliteratur in Österreich
(c) victoria art

von Günther Stocker   (Universität Wien)


Bei diesem Aufsatz handelt es sich um die deutsche Version eine Vortrags, den der Verfasser im März 2009 an der Stanford University (USA) im Rahmen der Tagung "Austria and Central Europe Since 1989: Legacies and Future Prospects" gehalten hat.

PDF-Version : 8 Seiten, 550 kB

1.

Lange Zeit waren die Länder Mittel- und Osteuropas für die moderne österreichische Literatur terra incognita - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Was hinter dem Eisernen Vorhang geschah und was nach seinem Fall dort passierte, fand trotz aller historischen Bedeutung nur ganz selten Eingang in die Romane, Erzählungen, Theaterstücke des Nachbarlandes. Das ist mehr als bemerkenswert, denn kein anderes Land der Europäischen Union hat derart enge historische Verbindungen zu diesem Kulturraum. Die österreichische Literaturgeschichte ist voll von Zuwanderern aus Osteuropa, von Leopold von Sacher-Masoch über Joseph Roth bis zu Elias Canetti, um nur einige der berühmtesten zu nennen. Und seit Jahren weist auch die steigende Anzahl von Migranten aus den ehemaligen kommunistischen Ländern, die in Wien, Linz, Salzburg etc. leben, unübersehbar auf die Veränderungen in Europa hin.

Die Gründe für diese Ignoranz mögen einerseits daran liegen, dass die österreichische Literatur in den vergangenen zwanzig Jahren viel zu sehr mit dem eigenen Land und seiner Geschichte beschäftigt gewesen ist. War die österreichische Identität schon das ganze 20. Jahrhundert hindurch eine Baustelle, so verschärfte sich diese Situation Mitte der achtziger Jahre mit der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten und der sich daran entzündenden Debatte über die Rolle der Österreicher im Nationalsozialismus. Die Literatur war eines der wichtigsten Foren dieser längst überfälligen Auseinandersetzung. Ich möchte nur ein paar Markierungspunkte nennen: Am 4. November 1988 wird Thomas Bernhards "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater uraufgeführt, 1989 erscheint Erich Hackls vielbeachtete Erzählung "Abschied von Sidonie", 1991 schließt Gerhard Roth seinen Romanzyklus "Die Archive des Schweigens" ab, 1995 erscheint Elfriede Jelineks Roman "Die Kinder der Toten". Es ließen sich noch zahlreiche weitere Titel anführen.

Die intensive Beschäftigung mit Österreich, seiner Geschichte und Gegenwart, führte manche Literaturkritiker dazu, der hiesigen Literatur einen Mangel an Welthaltigkeit oder gar „Solipsismus“ vorzuwerfen. 2 Und wenn sich die österreichische Gegenwartsliteratur dann einmal weltläufig gab, dann blieb Osteuropa wieder unbeachtet. Wendelin Schmidt-Dengler beschrieb vor einigen Jahren einen Trend zum Kosmopolitismus in der neuesten österreichischen Literatur – als Gegenreaktion auf die „Fixierung auf Österreich“ und die „ständig(e) heimatlich(e) Nausea“.3 Er zählt zahlreiche Autoren und ihre literarisierten Reisen auf. Da geht es überall hin auf der Welt, nach Japan und Brasilien, in die USA und nach Indien, aber nicht in die ehemals kommunistischen Länder, die so nahe liegen.
Für Karl-Markus Gauß gibt es neben der Konzentration auf Österreich und dem Leiden daran noch einen anderen Grund für diese auffällige Lücke:

„Wie der Westen zum Mythos des Fortschritts wurde, so ist der Osten zum Mythos der Rückständigkeit geworden. (…) was aus dem Osten kommt, gilt auf dem Kontinent in Schieflage für nichtig, uninteressant, vergessenswert. Diesem bornierten Irrglauben ist längst nicht nur der vielgeschmähte kleine Mann auf der Straße verfallen, er ist vielmehr auch eine snobistische Zier unserer Intellektuellen und eine alltägliche Entscheidungshilfe für unsere Politiker.“4

Als Illustration dieser Haltung mag die berühmt gewordene Aussage des sozialdemokratischen Politikers Josef Cap dienen, der vor Jahren einmal gemeint hat: „Lieber fahre ich für drei Tage nach New York als für drei Wochen nach Kroatien.“

Gauß nennt ein weiteres Beispiel für das verbreitete Desinteresse an Mittel- und Osteuropa:

„Ein Verlag, dem ich als Berater für osteuropäische Literatur verbunden war, hat unlängst eine traurige Bilanz gezogen: Von einem aus dem Amerikanischen übersetzten Buch lassen sich, wenn dieses Buch ungünstigerweise keine einzige Rezension erhält, etwa 3000 Exemplare im deutschen Sprachraum absetzen; ein aus dem Estnischen übersetztes Buch, das tatsächlich an die zwanzig Rezensionen findet, wird sich dennoch höchstens 700mal verkaufen lassen. So sind die Verhältnisse.“ 5

Karl-Markus Gauß ist einer der wenigen österreichischen Autoren, die sich schon seit Jahr und Tag mit Kultur und Politik in Mittel- und Osteuropa befassen. Als er 1991 die Herausgeberschaft der renommierten Zeitschrift "Literatur und Kritik" antrat, erhob er die Beschäftigung mit der Literatur der mittel- und osteuropäischen Länder wieder zum ausdrücklichen Programm,6 druckte darin zahllose Texte von dortigen Autoren ab und gestaltete länderspezifische Dossiers. Daneben veröffentlichte er Anthologien „mitteleuropäischer Dichtung“7 , hunderte Rezensionen von Büchern osteuropäischer Autoren, Essays und Reiseberichte von Litauen bis zur Ukraine, die allesamt das Anliegen haben, die eklatante Unkenntnis dieser Länder und Literaturen zu verringern und die „bewährte, mit uraltem Dünkel satt genährte Ignoranz“8 zu bekämpfen. Auch einige andere Ausnahmen sollen noch genannt werden, die sich aber vor allem auf Jugoslawien konzentrieren. An erster Stelle natürlich Peter Handke, in dessen Werk Jugoslawien bzw. Slowenien schon Jahre vor dem Ausbruch des Krieges eine so wichtige Rolle spielt, als „exemplarisches Land“ in Europa.9 Mit dem Jugoslawien-Krieg beschäftigen sich auch ein Roman von Norbert Gstrein ("Das Handwerk des Tötens", 2003)10 und ein literarischer Thriller von Gerhard Roth ("Der Berg", 2000). Genannt werden müssen hier auch die Essays und Reise-Reportagen von Christoph Ransmayr und Martin Pollack, die sich seit den achtziger Jahren mit Galizien, der Bukowina, Litauen, Polen, Weißrussland etc. beschäftigen.11 Das sind die Ausnahmen, wohlgemerkt12. Im Großen und Ganzen blieb Mittel- und Osteuropa in der österreichischen Gegenwartsliteratur ein unentdeckter Kontinent.

2.

Dieser Zustand begann sich mit dem Anfang des 21. Jahrhunderts zu ändern. 2001 erscheint Vladimir Vertlibs umfangreicher Roman "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur", der mit großer historischer Authentizität anhand des Schicksals einer Familie die Geschichte der Juden in Russland vom ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart erzählt.13 Zwei Jahre später erschien der Roman "Engelszungen" von Dimitré Dinev.14 Auf sechshundert Seiten und über vier Generationen wird darin die Geschichte zweier Familien ausgebreitet und ein ebenso kritisches wie komisches Sittenbild der bulgarischen Gesellschaft während und nach der kommunistischen Herrschaft entworfen. Beide Romane hatten großen Erfolg weit über Österreich hinaus. Sie wurden viel besprochen, mit Preisen ausgezeichnet und erzeugten erstmals in Österreich eine breitere öffentliche Aufmerksamkeit für das Phänomen der Migrationsliteratur.15 Vertlib wurde 1966 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg geboren, emigrierte 1971 mit seiner Familie nach Israel, dann in die USA und lebt seit 1981 in Österreich. Dinev wurde 1968 in Plovdiv geboren und floh 1990 nach Österreich. Beide schreiben ihre Bücher auf Deutsch.

Freilich gab es auch vor Vertlib und Dinev schon Autoren, die, aus Osteuropa kommend, in Österreich lebten und auf Deutsch schrieben. Ich erinnere nur an Milo Dor, György Sebestyén oder Radek Knapp. Ihre Werke stießen aber auf wenig Resonanz oder wurden als isolierte Ereignisse rasch wieder vergessen.16 In Deutschland wird Migrationsliteratur schon seit den 80er-Jahren wahrgenommen, seit den äußerst erfolgreichen Büchern der türkisch-deutschen Autoren Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zaimoglu in den neunziger Jahren in der literarischen Öffentlichkeit auch breit diskutiert. Österreich hat hier die landesübliche Verspätung. Doch seit dem Auftritt von Vertlib und Dinev gibt es auch hierzulande ein größeres Interesse für die Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund, wie etwa Anna Kim, Julya Rabinowich,17 Hamid Sadr oder Michael Stavaric.18

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Migrationsliteratur ist im deutschsprachigen Raum noch sehr jung. Bezeichnenderweise kamen ihre wesentlichen Impulse von anderen Philologien und von der Auslandsgermanistik, die in Fragen von Multikulturalität und Transnationalität in die oft wesentlich avancierteren Diskurse ihrer Arbeitsorte eingebunden ist, als das in Österreich, Deutschland oder der Schweiz der Fall ist. In meinem Vortrag interessieren mich allerdings weniger die derzeit gängigen Konzepte von nomadischen Identitäten, kultureller Hybridität und Homi Bhabhas vielzitiertem „third space“. Meine Frage lautet nicht, welche Folgen die Migrationserfahrung auf die kulturelle Identität der Migranten hat und wie das in der Literatur reflektiert wird, sondern meine Frage lautet, wie Migrationsliteratur den Blick derjenigen Kultur verändern kann, in der sie entsteht. Es geht mir um das Potential der Migrationsliteratur, die festgefahrenen Perspektiven der Kultur der Zielländer zu verändern. So ist der Titel meines Vortrages zu verstehen.

3.

Die Literatur von Zuwanderern darf aber nicht einfach einem latenten Exotismus folgend als „`Bereicherung´ der Literatur eines Landes“ aufgefasst werden, wie Vladimir Vertlib in seinen Poetik-Vorlesungen mit dem Titel „Spiegel im fremden Wort“ argumentiert:

„Meiner Einschätzung nach impliziert `Bereicherung´ (…), dass zum Normalzustand etwas Zusätzliches, Wertvolles hinzukommt. Literatur sollte aber, wie jede Kunst, die kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt eines Landes in seiner Gesamtheit abbilden. Die Welt der Zuwanderer mit ihren Besonderheiten und Perspektiven, ihre kulturelle und sprachliche Verortung sind Teil dieser Normalität. Wenn es demnach keine Literatur von Zuwanderern gibt, wenn diese besondere Perspektive fehlt, so wie es im deutschsprachigen Raum bis vor nicht allzu langer Zeit der Fall war, dann herrscht ein Mangel, eine Anomalie. Durch die Literatur von Zuwanderern wird also Normalität hergestellt und keine Bereicherung erzeugt.“19

Die „Anomalie“ in Österreich war, dass trotz der engen historischen und geographischen Verbindungen der mittel- und osteuropäische Raum ein weitgehend weißer Fleck auf der literarischen Landkarte geblieben ist. Normalisierung besteht nun darin, dass das widersprüchliche historische Erbe und Österreichs Rolle zwischen Ost und West nun auch literarisch vermehrt reflektiert wird.20 Und gerade in einer sich in radikalem Umbruch befindlichen Welt, im Kontext von Globalisierung und beweglichen Identitäten kann Migrationsliteratur „ein wichtiger Bestandteil kultureller Neuorientierung“21 sein, wie Leslie A. Adelson bemerkt. Von der Idee reiner Nationalstaaten mit reinen Nationalliteraturen muss man sich ohnehin verabschieden.

4.

Autoren mit Migrationserfahrung haben einen anderen Blick auf die Geschichte Europas, bringen ein anderes kulturelles Gedächtnis, andere Erinnerungsorte - lieu de mémoire - und Zeitmarken in die österreichische Literatur und damit in die österreichische Öffentlichkeit ein. Wer weiß in Österreich schon etwas vom Shivkov-Kommunismus in Bulgarien und dem Schicksal der Juden in der Sowjetunion. Vertlib versteht sein Schreiben ausdrücklich als Anschreiben gegen das „unzulängliche Wissen über den historischen und kulturellen Hintergrund der hier lebenden Zuwanderer.“22 In seinen Poetikvorlesungen erläutert er das anhand einer zentralen Passage seines Romans "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur":

„Die Stadt Leningrad wurde von September 1941 bis Jänner 1944 von der Deutschen Wehrmacht belagert. Dem Hunger, der Kälte und dem regelmäßigen Artilleriebeschuss fielen etwa eine Million Zivilisten zum Opfer. Allein in Leningrad waren mehr zivile Tote zu beklagen als im gesamten `Großdeutschen Reich´, England oder Japan als Folgen des Bombenkrieges. Nun sind Vergleiche dieser Art natürlich sinnlos, da die Gesamtzahl der Toten das Einzelschicksal weder tragischer noch weniger tragisch macht. Was jedoch erstaunt, ist die Tatsache, dass von dieser Episode des NS-Vernichtungskrieges in Österreich und Deutschland kaum jemand etwas gehört zu haben scheint. Auschwitz, die Wannsee-Konferenz, Warschau, Stalingrad, Dresden oder Hiroschima stehen im kollektiven Bewusstsein für Rassenwahn, Massenmord, sinnlose Zerstörung und das Grauen des Krieges. Leningrad hingegen bringt man hierzulande allenfalls mit der Oktoberrevolution in Verbindung.“23

In Russland ist mit der Belagerung von Leningrad sowohl ein kollektives Trauma als auch eine Mythifizierung zur „Heldenstadt“ verbunden. Im Roman nimmt die drastische Schilderung des Versuchs, eine ganze Großstadt den Hungertod sterben zu lassen, einen zentralen Raum ein. Vertlibs "Rosa Masur" ist nur eines von vielen Beispielen für die anderen Gedächtnisorte, die anderen Zeitmarken, die sich in der deutschsprachigen Migrationsliteratur manifestieren. Besonders auffällig ist in dieser Literatur insgesamt das große Interesse an der Geschichte des eigenen Herkunftslandes. „Dabei entstehen ganz eigene, private, subjektive Versionen dieser verlassenen Heimat, die der offiziellen Geschichtsschreibung gegenüberstehen.“24 Azade Seyhan hat dafür den Begriff „unauthorized biographies of the nation“ geprägt.25

Und „unauthorized“ sind die Geschichtserzählungen von Dinev und Vertlib in der Tat. Beide zeichnen sich durch eine unbändige Erzähl- und Fabulierlust aus. Dinevs Engelszungen verbindet die Geschichte zweier Familien der bulgarischen Nomenklatura mit einem ebenso düsteren wie komischen Sittenbild des Alltagslebens im kommunistischen Staat. Märchenhaft-magische Elemente vermischen sich mit krude-realistischen Darstellungen der Gewalt des Staats- und Parteiapparates. Mit scharfer Ironie werden Denunzianten- und Kriechertum, ideologische Verblendung und die Verstrickung persönlicher Interessen mit politischer Macht demaskiert. So verhindert etwa der Vater eines der beiden Protagonisten, der einflussreiche KP-Funktionär Mladen Mladenov, dass seine Lieblingsprostituierte wie alle anderen, die diesem Gewerbe nachgehen, in die Provinz geschickt wird, um dort „beim Aufbau des Kommunismus“ zu helfen. „Auch ohne sie würde man es fertig bringen, den Kommunismus aufzubauen. Aber er, Mladen, würde es ohne sie nicht mehr fertig bringen, so entspannt und überzeugend über den Bau des Kommunismus auf den Parteisitzungen zu reden. Auf eine Frau wie Isabella zu verzichten, wäre für Mladen so wie auf die Weltrevolution zu verzichten. Man glaubte zwar nicht mehr an sie, aber immer wenn man an sie dachte, wurde es aufregend.“

Dinevs Roman quillt nur so über von aberwitzigen Episoden, in denen es ebenso deftig wie symbolisch zugeht. Schwarzer Humor und Satire werden dabei als die subversiven Strategien kenntlich, mit denen das dunkle Erbe seiner Heimat abgearbeitet wird. Aus der Perspektive des untergegangenen Systems geraten die grotesken Seiten des Totalitarismus bulgarischer Prägung umso besser in den Blick. Auch die schlimmsten Auswüchse des Shivkov-Systems erscheinen jetzt als vergänglich.26 Bezeichnend der erste Satz, den der kleine Svetljo von sich gibt, nachdem er bis zu seinem fünften Lebensjahr zur Verzweiflung seiner Eltern nicht gesprochen hat: „Der Genosse Shivkov kackt von unten und von oben“, kommentiert er eine Radioansprache des Regierungschefs. Und als er, mittlerweile erwachsen, seiner taubstummen Freundin mitteilen möchte, dass derselbe Shivkov nach jahrzehntelanger Herrschaft soeben abgesetzt wurde, genügen ihm wenige Gebärden: „Er machte zuerst das Zeichen für Arschloch, dann für Diktator und schließlich für Absturz.“ Seine Freundin verstand ihn sofort.

Dinev hat in einem Interview die Bedeutung der mündlichen Erzählungen in seiner Familie betont, die ihm als „Generator von Geschichten“27 erschienen ist. In einem solchen Umfeld müsse man nichts erfinden, man müsse nur zuhören.28 Auch für Vladimir Vertlibs "Rosa Masur" ist die Tradition mündlichen Erzählens von zentraler Bedeutung, denn am Anfang seines Gedächtnisprojekts standen Tonbandaufzeichnungen von stundenlangen Gesprächen mit seiner Großmutter. Literarisch verarbeitet hat er sie erst viele Jahre danach, doch die Strukturen mündlichen Erzählens sind in seinen Roman eingegangen. Das Zeitzeugengespräch bildet gleichsam das zentrale narrative Muster. Als die Titelheldin 1999 als „Kontingentflüchtling“29 aus Russland in die fiktive deutsche Kleinstadt Gigricht auswandern kann, nimmt sie um ein wenig Geld zu verdienen an einem Projekt mit dem Titel “Fremde Heimat. Heimat in der Fremde“ teil. Zur Feier des 750-jährigen Bestehens der Stadt soll ein Buch erscheinen, in dem ausgewählte Zuwanderer ihre Lebensgeschichte erzählen. Ein junger Übersetzer zeichnet die Erinnerungen der 92-jährigen auf. Hier beginnt die lange und bemerkenswert detailreiche Gedächtnisreise in die Vergangenheit, gleichzeitig auch eine ironische Auseinandersetzung mit politischer Korrektheit und Betroffenheitskultur im heutigen Deutschland. So kommentiert Rosas Sohn die Möglichkeit zur Auswanderung wie folgt: „Es ist schon ein großes Glück (…), dass die Deutschen ein so schlechtes Gewissen haben, nachdem sie uns wie die Schweine hingeschlachtet haben. Deshalb dürfen jetzt einige von uns nach Deutschland übersiedeln. So haben die Deutschen wieder ihre Juden und wir ein schöneres Leben.“30

Wenn Vertlib am Ende des Buches explizit auf die zeitgeschichtliche Authentizität des Erzählten hinweist, so ist die Erinnerungsarbeit des Romans gleichzeitig einem poetischen Prinzip verpflichtet, das er als „subversives Gedächtnis“ bezeichnet und dieses „treibt mit dem sich Erinnernden allerlei Späße, bedient Erwartungen, macht halsbrecherische Kapriolen, vor allem aber lässt es sich nie festlegen und findet letztendlich doch einen Weg zur so genannten Wahrheit.“31
Eine ironische Kapriole schlägt am Schluss auch Vertlibs Roman. Das gut gemeinte Gigrichter Erinnerungsprojekt scheitert, da sich die Stadtgründungsurkunde als Fälschung herausstellt, das Jubiläum und die Jubiläumspublikationen damit abgesagt werden. Auf der Ebene der erzählten Welt gibt es kein Buch der Erinnerung. Wir als Leser haben freilich "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" zur Lektüre vor uns.

5.

Das Einbringen anderer Erfahrungen durch die Literatur von Migranten in den öffentlichen Diskurs eines Landes bedeutet auch das Einbringen von Migrationserfahrungen. Diese nehmen in beiden Romanen breiten Raum ein. Legale und illegale Grenzübertritte, Flucht und Verfolgung, Identitäts- und Sprachwechsel, der Erwerb von Aufenthaltsgenehmigungen und Ausweispapieren bilden die Bezugspunkte einer europäischen Realität, die unsere multikulturellen Gesellschaften immer stärker prägen und die im öffentlichen Bewusstsein noch viel zu wenig verankert sind. Diese Erfahrungen bilden auch die unhintergehbare Voraussetzung für das Schreiben von Autoren wie Vertlib und Dinev. In einer polemischen Wendung gegen eine die Biographie der Autoren wegwischende Theoretisierung beharrt Dinev auf den elementaren lebensgeschichtlichen Bedingungen des „Schreibens in der Fremde“:

„Was bedeutet es, in der Fremde zu schreiben? (…) Also, um in der Fremde schreiben zu können, muss man in der Fremde leben. Eine logische, für den Verstand sehr einfache Bedingung. Um in der Fremde leben zu können, muss man allerdings zuerst in die Fremde gelangen. Eine genau so logische, aber für den Körper sehr anstrengende Bedingung. (…) Um in der Fremde zu schreiben, muss man über Grenzzäune springen, oder darunter durchkriechen, egal ob es schneit oder regnet, man muss schneller als die Grenzpolizisten zweier Länder sein, in manchen Fällen ist auch Schwimmpraxis erforderlich; (…) Ist man nun endlich in der Fremde, muss man den kürzesten Weg zu einem Lager finden, denn es mag sein, dass es nicht einfach ist, in die Fremde zu gelangen, aber noch schwieriger ist es, in der Fremde zu bleiben. Weil die Fremde eine Eigenschaft hat, die seltsamerweise von den meisten Fremde-Analytikern kaum beachtet, gar übersehen wird. Dabei ist sie ihre grundlegende Eigenschaft überhaupt. Die Fremde kann dich abschieben.“32

In "Engelszungen" hat Dinev ein schönes Bild dafür gefunden, wie die Zuwanderer und ihre spezifischen Erfahrungen das kulturelle Gedächtnis eines Landes umschreiben. Sein Roman beginnt am Wiener Zentralfriedhof, wo das Grab eines verstorbenen Unterweltkaisers aus Serbien, der „in seinen letzten beiden Lebensjahren so vielen Einwanderern geholfen hatte wie keine Menschenrechtsorganisation in zehn“33 , zu einer Art Wallfahrtsort für Migranten in Not geworden ist. Noch eine Woche nach seinem Tod klingelt das mit ihm begrabene Handy. Dieses Grab aber steht nicht in einer abgelegenen Ecke, sondern „in einer der prominentesten Alleen“34 des Friedhofs. „Umgeben von Künstlern, Offizieren und hohen Beamten, von Leuten, die die österreichische Geschichte stumm, doch verläßlicher als jedes Lehrbuch widerspiegelten.“35 Der Friedhof wird zum Ausgangspunkt von Dinevs Erzählen, das zeigt, welche Erfahrungen hinter den Menschen liegen können, bis sie an dem Ort anlangen, an dem, um ein berühmtes Stück österreichischer Literatur zu zitieren, das Schicksal „alles gleich hobelt“.

6.

Autoren mit Migrationshintergrund bringen freilich nicht nur andere historische Perspektiven, sondern auch eine andere Ästhetik ein. Das zeigt schon die beschriebene Erzähllust, die beide Romane charakterisiert. Das Geschichtenerzählen war ja in der modernen österreichischen Literatur lange Zeit verpönt. Berühmt geworden ist Thomas Bernhards Selbstcharakterisierung als „Geschichtenzerstörer“: „Ich bin der typische Geschichtenzerstörer. Immer wenn sich eine Geschichte hinter einem Prosahügel hervorwagt, schieße ich sie ab.“ Dinev und Vertlib stehen in ganz anderen literarischen Traditionen und haben auch eine ganz andere literarische Sozialisation durchlaufen. Sie verweisen auf Autoren wie Tolstoi, Tschechow, Dostojewski und Bulgakow als Bezugspunkte für ihr Schreiben. Der erzählerische Reichtum der beiden Romane und ihre Welthaltigkeit sind wohl auch ein wesentlicher Faktor für ihren Publikumserfolg, gerade im Kontext einer Literaturlandschaft, die über lange Jahre von Erzählabstinenz und einer Fixierung auf österreichische Themen gekennzeichnet war.36

7.

Eine weitere Grundlage dieser anderen Ästhetik ist das distanzierte Verhältnis zur deutschen Sprache als Zweit- oder Drittsprache. Dazu Vertlib: „Die Tatsache, dass ich mir meiner Sprache nie sicher sein kann, dass ich Worte und Formulierungen hinterfrage, die andere mit intuitiver Selbstverständlichkeit handhaben, sehe ich als Vorteil an. Er besteht darin, dass es mir leichter fällt, mein Schreiben aus kritischer Distanz zu betrachten und somit meine Möglichkeiten und Grenzen besser zu erkennen. (…) Kein einziges deutsches Wort hat für mich seine Fremdheit zur Gänze verloren.“37

Diese Distanz ermöglicht einen sehr reflektierten Umgang mit Sprache. Gängige Formulierungen und Metaphern werden geprüft, nach ihrem gegenständlichen Wortsinn abgeklopft und in neue Zusammenhänge gebracht. So entstehen ungewöhnliche Bilder ebenso wie eine manchmal sehr direkte, unvermittelte Ausdrucksweise. Die große Bedeutung des Sprachwechsels für die Migrationsliteratur verdichtet sich besonders im Motiv der Zunge, das sich in zahlreichen Texten finden lässt. Man denke nur an einen der berühmtesten Vertreter der deutschsprachigen Migrationsliteratur avant la lettre, Elias Canetti, der durch mehrere Sprachwechsel hindurchging, und dessen erster Aufzeichnungsband den Titel "Die gerettete Zunge" trägt. Er beginnt mit der furchtbaren Drohung, dass dem Kind die Zunge abgeschnitten würde.

Auch in Dinevs Roman ist die Zunge titelgebend.38 Der Begriff „Engelszungen“ leitet sich von einem Korinther-Brief des Apostel Paulus her, in dem es heißt: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ Konkret bedeutet „mit Engelszungen reden“ besonders eindringlich auf jemanden einreden, mit großer Überzeugungskraft sprechen. Wie der kommunistische Funktionär Mladen Mladenov seine Rhetorik trainiert, haben wir schon gehört. Darüber hinaus entwickelt der Roman vielfältige Beziehungen zwischen dem Sprechen und dem Nicht-Sprechen, zwischen der demagogischen und autoritären Stimme der Parteifunktionäre - besonders des Ministerpräsidenten Shivkov - und den zum Schweigen gebrachten Zweiflern und Dissidenten. Aber auch Macht und Sexualität sind hier eng miteinander verwoben. Der Verhörspezialist Jordan Apostolov, der mit seinen Foltermethoden selbst Eisen zum Sprechen bringt, wie es im Roman heißt, wird für seine Gewalt symbolisch gleich doppelt bestraft. Sein kleiner Sohn, der schon erwähnte Svetljo, verschluckt seine Zunge, als er zum ersten Mal den Genossen Shivkov reden hört und verweigert jahrelang das Sprechen. Seine Frau betrügt ihn mit einem Buschauffeur, der sie zu ungekannten sexuellen Höhepunkten bringt - mittels seiner Zunge. Als Apostolov davon erfährt, tötet er kurzerhand den Nebenbuhler, schneidet seine Zunge heraus und verwahrt sie als Trophäe in einem Glas mit Spiritus.

Schluss

Ich komme zum Schluss. Wenn wir davon ausgehen, dass die traditionellen Konzepte von Nation, Kultur und Identität in der globalisierten Gesellschaft immer brüchiger werden, dass gerade die Gegenwart Europas von Migrationsbewegungen, Identitätswechseln und hybriden Kulturen geprägt ist, dann kann man Vladimir Vertlibs provokanter These durchaus einiges abgewinnen, wenn er behauptet, dass die „Literatur von Zuwanderern (…) in vielen Fällen zeitgemäßer und dadurch `moderner´ (ist) als die sogenannte Nationalliteratur, weil sie Mehrfachidentitäten, gegenseitige Beeinflussung und permanente Veränderung direkt oder indirekt zum Thema hat oder zumindest implizit zu vermitteln vermag.“39 Das rückt die Migrationsliteratur vom Rand in die Mitte, denn gerade in ihr werden die bestimmenden zeittypischen Erfahrungen verhandelt. Das heißt allerdings nicht, dass damit immer auch eine formale Modernität einhergeht. Wie gezeigt, haben wir es bei "Engelszungen" und "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" mit eher traditionellen Erzählweisen zu tun.

Trotzdem bieten diese Romane für Österreich und seine Beziehung zu Ost- und Mitteleuropa eine besondere Chance. Sie machen einen Gedächtnis- und Erfahrungsraum zugänglich, der in der österreichischen Gesellschaft bislang weitgehend gefehlt hat. Und sie schaffen diesen Zugang auf eine ganz besondere Weise. Denn gerade das Lesen fiktionale Literatur ermöglicht eine Form von kultureller Empathie, die mit keinem anderen Medium und in keiner anderen Kommunikationsform zu haben ist.40 Der argentinische Autor Jorge Luis Borges hat einmal gesagt: „Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn.“ Ich glaube dass es den Österreichern nur gut tun kann, eine zeitlang mit dem „Gehirn“ osteuropäischer Migranten zu denken, zum Beispiel mit Hilfe der Romane von Vladimir Vertlib und Dimitré Dinev. Denn diese bedeuten nicht nur eine längst fällige Erweiterung des Blickfeldes und einen Zuwachs an Europagehalt für die österreichische Gegenwartsliteratur, sondern sie bieten auch uns Lesern die Chance, Grenzen zu überschreiten und unsere Perspektiven zu verändern. Oder um es mit Salman Rushdie zu sagen: „To see things plainly, you have to cross a frontier.“41


1 Bei diesem Aufsatz handelt es sich um die deutsche Version eine Vortrags, den ich im März 2009 an der Stanford University (USA) im Rahmen der Tagung "Austria and Central Europe Since 1989: Legacies and Future Prospects." gehalten habe.
2 Die sich daran anschließende Debatte kann hier nicht wiedergegeben werden. Wenn das Urteil in seiner zugespitzten Formulierung – im Aufsatz ist auch von „austriakischem Autismus“ die Rede – sicher über das Ziel hinausschießt, so trifft es doch auch einen charakteristischen Zug der modernen österreichischen Literatur. Die Fixierung auf österreichische Themen und v.a. die österreichische Geschichte hängt meiner Ansicht nach aber vor allem damit zusammen, dass diese Debatte in der Öffentlichkeit jahrzehntelang nicht geführt wurde und daher enormer Nachholbedarf bestand. Vgl. Haas, Franz: Österreichischer Solipsismus. In: Haas, Franz; Schlösser, Hermann; Zeyringer, Klaus: Blicke von außen. Österreichische Literatur im internationalen Kontext. Innsbruck: Haymon 2003, S. 38-41. Schmidt-Dengler sieht auch die Tendenz zum „Kosmopolitismus“ im Zusammenhang mit der Waldheim-Wahl: „Die Reisesehnsucht der Autoren erklärt sich sehr gut aus der Situation nach der Waldheim-Affäre, die letztlich den Österreichern, den denkenden, vor Augen führte, daß sie auch neben ihrer Zeit gelebt hatten. Ganz wenige scheinen jetzt auf die Grenzen des kleinen Österreich beschränkt und verzichten auf diesen Gewinn an globalem Prestige durch die Reise. (…) Zum anderen scheint es mir bezeichnend, daß man in diesen Reisen hofft, eben diese Fixierung auf Österreich zu überwinden, nicht zuletzt vielleicht auch, weil man die Nausea, die man sich auf hoher See oder im Sinkflug holen kann, der ständigen heimatlichen Nausea vorzieht.“ Schmidt-Dengler, Wendelin: Österreich – das Herz der Finsternis. Geschichten von Heimkehrenden. In: Broser, Patricia; Pfeiferová, Dana (Hg.): Der Dichter als Kosmopolit. Zum Kosmopolitismus in der neuesten österreichischen Literatur. Wien: Edition Praesens 2003, S.11-32, hier S. 14.
3 Schmidt-Dengler, Österreich, S.12.
4 Gauß, Karl-Markus: Nicht nur schmachvoll, sondern auch dumm. In: Literatur und Kritik, Nr. 323/324,1998, S.3-4, hier S. 4.
5 Ebd.
6 Die 1966 von Gerhard Fritsch, Rudolf Henz und Paul Kruntorad gegründete Zeitschrift hatte sich schon in ihrer ersten Nummer die Mittlerrolle zwischen Ost- und Westeuropa auf die Fahnen geschrieben. Im Editorial heißt es dazu: „Immer einen Vorsprung zu wahren, wenn es gilt, aus dem Bereich der slawischen und anderen Sprachen neue Texte zu bringen, wird uns hoffentlich leichter gelingen, weil die Kommunikationslinien aus Prag, Wahrschau, Budapest, Bukarest, Belgrad, Sofia und, wer weiß, auch aus Moskau nach Wien noch immer kürzer sind als anderswohin.“ (Literatur und Kritik, Nr. 1, 1966, S. 1). Diese Intention verlor sich aber im Lauf der Jahre. Die Einsetzung von Gauß als Chefredakteur lässt sich dann auch als explizite Reaktion der damaligen Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek, auf den Fall des Eisernen Vorhangs verstehen. Die Literaturzeitschrift sollte mit einer deutlichen Öffnung nach Osten und einer Abgrenzung gegenüber Deutschland neu positioniert werden. Vgl. Bontempelli, Pier Carlo: Karl-Markus Gauß: „Literatur und Kritik“ e il nuovo sguardo letterario verso est. In: Annali dell’Università degli Studi die Napoli „L’Orientale“. Sezione Germanica, N.S. XIV, 1-2. Npoli 2004, S. 61-74, hier S. 64.
7 Gauß, Karl-Markus (Hg.): Das Buch der Ränder. Klagenfurt, Salzburg: Wieser 1992 und ders. (Hg.): Das Buch der Ränder. Lyrik. Klagenfurt, Salzburg: Wieser 1995.
8 Gauß, Karl-Markus: Nachwort. In: ders. (Hg.): Das Buch der Ränder. Lyrik. Klagenfurt, Salzburg: Wieser 1995, S. 217-218, hier S. 217.
9 Vgl. dazu Höller, Hans: Peter Handke. Reinbek: Rowohlt 2007, S.116.
10 Gstrein, Norbert: Das Handwerk des Tötens. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003. Gstreins Roman hat zwar keine so große Debatte wie Peter Handke ausgelöst, aber auch er griff mit einer Nachschrift in die Diskussionen über den Text ein. Gstrein, Norbert: Wem gehört eine Geschichte? Fakten, Fiktionen und ein Beweismittel gegen alle Wahrscheinlichkeit des wirklichen Lebens. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004.
11 Ransmayr, Christoph (Hg.): Im blinden Winkel. Nachrichten aus Mitteleuropa. Wien, München: Brandstätter 1985; ders.: Der Weg nach Surabaya. Reportagen und kleine Prosa. Frankfurt/M.: Fischer 1997. Pollack, Martin: Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Wien et al.: Brandstätter 1984; ders.: Des Lebens Lauf. Jüdische Familien-Bilder aus Zwischen-Europa. Wien et al.: Brandstätter 1987; ders. (Hg.): Sarmatische Landschaften. Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland. Frankfurt/M.: Fischer 2005. Martin Pollack ist darüber hinaus auch Übersetzer des polnischen Autors Ryszard Kapuscinski.
12 Vor kurzem erschien ein Roman von Ludwig Laher, der sich mit der Situation der Roma in Tschechien und der Prostitution an der österreichisch-tschechischen Grenze auseinandersetzt: Und nehmen was kommt. Innsbruck: Haymon 2007. Erwähnt werden sollen noch zwei Romane von Peter Zimmermann, die allerdings eher klischeehaft den „wilden Osten“ inszenieren und literarisch nur wenig überzeugend sind: Die Nacht hinter den Wäldern. Roman. Wien, München: Deuticke 2000 und Last Exit Odessa. Wien, Frankfurt/M.: Deuticke 2002.
13 Vladimir Vertlib: Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur. Wien: Deuticke 2001. In der Folge abgekürzt mit RM.
14 Dimitré Dinev: Engelszungen. Wien: Deuticke 2003. In der Folge abgekürzt mit EZ.
15 Vgl. dazu auch Vlasta, Sandra: Mit Engelszungen und Bilderspuren ein neues Selbstverständnis erzählen. Ein Vergleich deutsch- und englischsprachiger Literatur im Kontext von Migration. Diss. Phil. Wien 2008, S. 43.
16 Es würde sich einmal lohnen, das merkwürdige Verhältnis zwischen institutionellen Ehren und fehlender Rezeption zu untersuchen: Dor war Vizepräsident des österreichischen P.E.N.-Clubs und Präsident der IG-Autoren; Sebestyén war Präsident des österreichischen P.E.N. Clubs. Beide bekamen von der Republik den Ehrentitel „Professor“ verliehen.
17 Rabinowich erhält im März 2009 den „Rauriser Literaturpreis“ für die beste deutschsprachige Prosa-Erstveröffentlichung.
18 Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es nun auch schon erste Diplomarbeiten und Dissertationen an österreichischen Universitäten gibt, die sich mit diesem Thema beschäftigen.
19 Vertlib, Vladimir: Spiegel im fremden Wort. Die Erfindung des Lebens als Literatur. Dresdner Chamisso-Poetikvorlesungen 2006. Mit einem Nachwort von Annette Teufel und Walter Schmitz sowie einer Bibliographie. Dresden: Thelem 2007, S. 36.
20 Dazu Vertlib in seinen Poetikvorlesungen: „Ein wesentlicher Aspekt der Rezeption, gerade im Zusammenhang mit Romanen wie Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur, aber auch anderen, wie zum Beispiel Engelszungen von Dimitré Dinev ist jener, dass es im deutschsprachigen Raum ein nur unzulängliches Wissen über den historischen und kulturellen Hintergrund der hier lebenden Zuwanderer gibt. In Frankreich oder Großbritannien ist die eigene Kolonialgeschichte und die Kultur der ehemaligen Kolonien schon seit Jahrzehnten ein Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Diskurses. In Deutschland setzt man sich seit zehn oder höchstens fünfzehn Jahren ernsthaft mit den Lebenswelten von Zuwanderern auseinander. In Österreich steht dieser Prozess erst am Anfang.“ (Vertlib, Spiegel, S. 112)
21 Adelson, Leslie: Adelson, Leslie. “Against Between – Ein Manifest gegen das Dazwischen.” In: Text + Kritik Sonderband 37/2006: Literatur und Migration, S. 36-46, hier S. 37.
22 Vertlib, Spiegel, S. 112.
23 Vertlib, Spiegel, 87.
24 Vlasta, 48.
25 Seyhan, Azade: Writing Outside the Nation. Princeton: Princeton University Press 2001, 96.
26 Vgl. dazu Hielscher, Martin: Andere Stimmen – andere Räume. Die Funktion der Migrantenliteratur in deutschen Verlagen und Dimitré Dinevs Roman „Engelszungen“. In: Text+Kritik. IX/2006, Sonderband 37: Literatur und Migration, S. 196-209, hier S. 202f.
27 Falter, 10.10.2003, S. 5
28 Vgl. NZZ, 8.12.2003, S. 20.
29 „Kontingentflüchtlinge“ sind eine privilegierte Gruppe von Ausländern, die aufgrund von eigenen Gesetzen im Rahmen humanitärer Maßnahmen eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland bekommen haben. Seit 1991 haben Juden aus der ehemaligen Sowjetunion die Möglichkeit, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen. Laut Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge haben bis 2006 mehr als 220.000 Personen diese Möglichkeit in Anspruch genommen.
30 RM 8.
31 Vertlib, Vladimir: Statistik ist die eleganteste Lüge. Was der österreichische Schriftsteller Vladimir Vertlib über verschiedene Formen der Wahrheitsfindung und über Fernweh denkt. In: Buchreport. Magazin 32/2001, Nr. 8, S. 57.
32 Dinev, Dimitré: In der Fremde schreiben. In: Text+Kritik. IX/2006, Sonderband 37: Literatur und Migration, S. 209-210, hier S. 209. Auch Ilja Trojanov wehrt sich gegen die Tendenz in der Forschung zur Migrationsliteratur, die Bedeutung des Biographischen zu verneinen. Im Vorwort zur Anthologie Döner in Walhalla schreibt er: „Das Wundersame an dieser Literatur ist ihre unermeßliche Vielfalt an spannenden Biographien, die wiederum spannende Texte ermöglichen und somit auch den Gemeinplatz der inländischen Habenichtse widerlegen, Literatur habe mit der Biographie des Schreibenden wenig oder nichts zu tun.“ Zitiert nach: Text+Kritik. IX/2006, Sonderband 37: Literatur und Migration, S. 164.
33 EZ 10.
34 EZ 7.
35 EZ 8. Erwartungsgemäß sind nicht alle mit diesem Eingriff ins kulturelle Gedächtnis einverstanden: „`Was macht dieser Tschusch auf unserem Friedhof? Schaut’s wie groß sein Grabstein ist. Einen zentralen Platz hat er auch noch. Eine Frechheit, einem Ausländer so einen Platz zu geben!´“, äußert ein Friedhofsbesucher seinen Unmut. EZ 10.
36 Freilich lässt sich seit einigen Jahren auch bei aus Österreich stammenden Autoren eine „Renaissance des Erzählens“ bemerken, zu denen Autoren wie Daniel Kehlmann, Thomas Glavinic und Arno Geiger gezählt werden können.
37 Vertlib, Spiegel, S. 59.
38 Vgl. dazu Vlasta, S. 91ff.
39 Vertlib, Spiegel, 11. Vgl. dazu auch Dinev über die „Gegenwart Europas“ in einem Interview mit der Presse: „Eine Gegenwart von endlosen Aufbrüchen und Ankünften und Grenzen, wohin man nur schaut. Eine Gegenwart, in der es längst nichts mehr Fremdes gibt außer den Gesetzen selbst, die dauernd Fremdheit und Befremdung produzieren.“ Stuiber, Petra: West-östlicher Dinev. In: Die Presse, 19.9.2003.
40 Azade Seyhan behauptet, dass die durch Literatur möglichen Einsichten selbst die Erkenntnismöglichkeiten der Theorie übersteigen: „Literary expressions of contemporary sociopolitical formations offer critical insights into the manifold meanings of history and take us to galaxies of experience where no theory has gone before.“ Seyhan, Writing, p. 5.
41 Rushdie, Salman: Imaginary Homelands: Essays and Criticism 1981-1991. London: Penguin/Granta 1991, S. 124f.


 

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