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"Wenn ich alt bin, werde ich sehr glücklich sein. Je schneller ich alt werde, desto besser."
Steven Demetre Georgiou (Cat Stevens)
Begegnungsraum Bibliothek

Begegnungsraum Bibliothek

Bibliotheken als Orte der Verständigung und Integration

Begegnungsort Bibliothek

von Reinhard Ehgartner

Wo findet man Anbindung, wenn man in eine fremde kulturellen Umgebung eintritt und in ihr ein neues Zuhause finden möchte? Manche Bereiche wie Beruf und Schule sind vorgegeben, andere wie Sport oder Kultur werden frei gewählt. Daneben gibt es aber öffentliche Einrichtungen wie Bibliotheken, die als Orte der Begegnung ganz wichtige Funktionen einnehmen können.
Was Bibliotheken für die Entwicklung eines Menschen bedeuten können, beschreibt die amerikanisch-kanadische Autorin Celia Barker Lottridge im Rückblick auf ihre Kindheit:

Ich komme aus einer Wanderfamilie. Noch bevor ich 12 Jahre war, lebte ich in acht Städten, verstreut über die ganzen USA, und besuchte sechs grundsätzlich verschiedene Schulen. Um zu überleben und gelegentlich in jeder neuen Kultur ein wenig aufzublühen, übte ich mich als Beobachterin und Zuhörerin.
Glücklicherweise hatte jede Stadt eine Bibliothek. Die Bibliothek gab mir das Gefühl von Heimat und bot mir Bücher, die mir bereits Freunde waren, und neue, die ich mir vertraut machte.

Dass sie später alles daran gesetzt hat, Bibliothekarin in einer Kinderbuchabteilung zu werden und in der Folge sogar Autorin von Kinder- und Jugendbüchern, ist auf dem Hintergrund dieser tiefgreifenden Kindheitserfahrungen verständlich. Es war ihr ein tiefes Anliegen das, was ihr Bibliotheken und Bücher gegeben haben, selbst an andere weiterzugeben. Dieses Schaffen von Räumen zur Beheimatung der Menschen ist das Grundanliegen, das wir mit unserem neuen Projekt verfolgen.

LebensSpuren : Begegnung der Kulturen

Mit dem Projekt "LebensSpuren : dem Alter Raum geben", haben wir vor 2006 Jahren damit begonnen, die zunehmend wichtige Funktion von Bibliotheken als Begegnungsorte zwischen den Generationen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen und spezielle Angebote für ältere BenutzerInnen zu erstellen. Begleitend hierzu entwickeln wir nun mit dem neuen Arbeitsschwerpunkt "LebensSpuren : Begegnung der Kulturen" diese Grundidee weiter und beziehen im Blick auf die individuellen Lebensspuren verstärkt interkulturelle Begegnungen mit ein.

Bunte Glasmurmeln als Symbol

Die Themen "Migration" und "Integration" sind mit vielerlei stereotypen Bildern besetzt, auf Fotos werden meist dunkelhäutige Menschen oder kopftuchtragende Frauen abgebildet. Auf der Suche nach einer eigenen Bildsprache sind wir bei den Glasmurmeln gelandet. Zum einen symbolisieren sie die bunte Vielfalt der Kulturen, aber auch die Bewegtheit des Rollens; das kann sehr harmonisch wirken, Kugeln können aber auch aneinanderschlagen und gegeneinander eingesetzt werden.

Die bedeutsame Rolle der Bibliotheken

Gerade in den letzten Jahre sind viele Bibliotheken in Österreich Begegnungs-, Lern- und Zufluchtsorte für MigrantInnen geworden. Unter dem Titel "Tagasyl Bibliothek" berichtete "Der Standard" am 13. Dezember 2007 über den regen Zustrom von MigrantInnen zur Wiener Hauptbücherei. Etwa die Hälfte der täglich 3500 BesucherInnen kommt aus dieser Gruppe und nützt diese Einrichtung als Treffpunkt, Zugangsportal ins Internet und Lernort, an dem man Sprachen lernt oder seine Hausaufgaben erledigt. Die Bibliothek ist diesen Menschen Lebensraum.
Diese spezifische Großstadtsituation ist natürlich nicht einfach auf andere Bibliotheken übertragbar, aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Angebote kann jede Bibliothek ihr eigenes Profil im Bereich Integration erarbeiten und entwickeln.

Einfache Schritte setzen

Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt und eine tiefe Freundschaft bisweilen mit der einfachsten Frage. Begegnung gelingt im Zugehen aufeinander und eine einladende Frage ist der beste Schlüssel für die Wahrnehmung des anderen.
Viele Enttäuschungen zum Thema Zielgruppenarbeit in den Bibliotheken haben damit zu tun, dass zwar mit großem Engagement neue Angebote entwickelt werden, das Wissen um die wirklichen Bedürfnisse und Interessen der Zielgruppe aber zu gering ist. Letztlich geht es immer darum, nicht nur für jemanden etwas zu entwickeln, sondern mit ihm. Bibliotheken können die Orte sein, an denen dieses aufeinander Zugehen gelingt.

Wie bedeutsam und heilsam die einfachste Frage sein kann, führt uns Wolfram von Eschenbach in seinem "Parzival" vor Augen. Durch verschiedene Stufen der Entwicklung ist sein Held gegangen, bis ihn glückliche Fügungen zu König Amfortas und den heiligen Gral bringen. Parzival verabsäumt es jedoch gegenüber dem offenkundig leidenden König die eine erlösende Frage zu stellen: "Was fehlt dir?" Zu spät erkennt er sein Versäumnis und muss einen langen Prozess des Reifens, Erkennens und Bereuens durchlaufen, um seinen Fehler wieder gutmachen zu können.

Irritierende neue Perspektiven

Die Frage "Was fehlt dir?" könnte zur Leitfrage bibliothekarischer Arbeit werden. Mit der Frage tritt man ein in ein Gespräch und begegnet damit der Gefahr, in überkommenen Vorurteilen und festen Bildern gefangen zu bleiben.
Auf den folgenden Seiten finden Sie einige Beiträge, die solche erstarrten Bilder in Frage stellen und damit ein Stück weit aufbrechen: eine Weltkarte aus scheinbar verkehrter Sicht, ein Projekt zur persönlichen Begegnung von Polizisten und Migranten oder eine Ausstellung, die den Blick nicht auf die MigrantInnen richtet, sondern deren Blick auf ihr Gastland Österreich zum Gegenstand hat.

Immer sind es dabei die Fragen, die Neugierde und das Staunen, die neue Sichtweisen eröffnen. Hier noch einige Impulse, wie ein fragendes Herangehen an den Themenkreis von "Migration und Integration" durch eine Bibliothek aussehen könnte.

Der globale Rahmen

Der Blick auf globale Entwicklungen ist kein abgehobener sondern die Grundlage für das Verständnis der Vorgänge in unserer unmittelbaren Umgebung. Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen einige Institutionen vor, die konsequent und vorbildhaft am Verständnis und an der Vermittlung dieser größeren Zusammenhänge arbeiten: Die Robert Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen, die Welthäuser in den Diözesen oder die Zeitschrift Südwind - sie alle haben lange Erfahrung und vielfältige Kompetenzen auf diesem Gebiet und können für Bibliotheken Informationsstätten bzw. konkrete Partner in der Umsetzung eigener Aktivitäten werden, wie das später folgende Beispiel "Uganda meets Kappl" zeigt.

Die Situation in Österreich

Regelmäßig bieten uns die Medien Statistiken zur Situation in den Bereichen Migration, Sprachkompetenzen und Integration. Am besten erfasst sind die Daten im Bereich der Pflichtschulen. In den Hauptschulen etwa betrug der Anteil an Kindern nichtdeutscher Muttersprache österreichweit im Jahr 2000 etwa 10 % - bis 2006 stieg dieser Anteil bereits auf 15 %.
Staatliche Stellen werden aktiv

Zahlen wie diese sind es, die die Politik und viele Institutionen endgültig aufgerüttelt haben. Lange Zeit wurde dem Phänomen Migration nur sehr lau begegnet, Aktivitäten in kleinerem Rahmen wurden vor allem von nichtstaatlichen Stellen und privaten oder kirchlichen Initiativen gesetzt. Nun erkennen die Verantwortlichen, dass es unumgänglich ist, diesen gesellschaftlichen Prozessen aktiv zu begegnen und Angebote für gelingende Integration und ein funktionierendes Zusammenleben zu erstellen. Die Bibliotheken müssen in diese Prozesse unbedingt einsteigen.

In den bn und auf der Projekthomepage unter www.lebensspuren.net werden wir Sie über Entwicklungen und Angebote, die für Bibliotheken von Interesse sind, informieren.

Migration im Umfeld der Bibliothek

Aus den Statistiken, die wir im Rahmen des Projektes sammeln und über die Homepage verfügbar machen, lassen sich allgemeine Tendenzen ablesen. Wirklich spannend wird es dann aber, wenn man diese Zahlen in Bezug zum Umfeld der eigenen Bibliothek bringt.

Für unsere Bibliothek in Michaelbeuern/Dorfbeuern, einer kleinen ländlichen Gemeinde im nördlichen Flachgau, haben wir uns die Zahlen besorgt: Von den 1.394 EinwohnerInnen haben 62 keine österreichische Staatsbürgerschaft; diese Personen verteilen sich auf 11 Herkunftsländer, von Bulgarien über Polen, die Niederlande und Großbritannien bis nach Syrien und Kamerun. Darüber hinaus sagen uns die Zahlen, dass pro Jahr etwa 70 bis 80 Personen aus der Gemeinde wegziehen bzw. sich hier niederlassen; das sind allein in einem Jahr immerhin 5 % der Gesamtbevölkerung.

Es geht nur gemeinsam

Wir waren über diese Fakten überaus erstaunt, weil sie in keiner Weise unseren Alltagsbeobachtungen entsprechen. Ein solches Erheben der Fakten ist für uns nun der Ausgangspunkt, um mit dem Bürgermeister, den LeiterInnen von Kindergärten und Schulen, den Obleuten von Vereinen und dem Pfarrer zum Thema "Integration" ins Gespräch zu kommen, um uns ein erstes Bild über bereits erfolgte oder noch ausstehende Integrationsschritte, über Erfreuliches und über Defizite machen zu können. Gemeinsam soll man überlegen, wie und wo neu Zugezogene in das Gemeinde-, Vereins- und Pfarrleben integriert werden könnten und welche Rolle der Bibliothek hierbei zukommt.
Über gelungene Projekte und die Formen ihrer Umsetzung werden wir Sie informieren.

Nützen Sie die Angebote

Im "Jahr des interkulturellen Dialogs" gibt es viele Veranstaltungen zum Thema Begegnung und Integration, einige finden Sie auf den folgenden Seiten beschrieben.
Und vergessen Sie nicht: Nur eine Bibliothek, die selbst in ihrem eigenen sozialen Umfeld gut integriert ist, kann selbst wirkungsvolle Hilfen zur Integration bieten. ■


Reinhard Ehgartner Reinhard Ehgartner


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