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"Wer eine Geschichte zu erzählen hat, ist ebenso wenig einsam wie der, der einer Geschichte zuhört."
Sten Nadolny

Der Schlüssel bleibt die Sprache

Überlegungen zu Kindheit und Migration in Österreich

von Rebecca Tschi-Linh Englert

 

Der Anteil der Schulkinder, die nicht Deutsch als Muttersprache haben und eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen, liegt in ganz Österreich bei rund 10 Prozent. Diese Zahl ist eine der ganz wenigen zuverlässigen, über die wir zum Thema „Migration“ verfügen.

Immer wieder wird angemerkt, dass aufgrund einer fehlenden Migrationsforschung insgesamt keine genauen Aussagen gemacht werden können, denn zum Beispiel bedeutet Migrationshintergrund nicht automatisch, dass die Kinder nicht gut Deutsch sprechen. Ebenso wenig kann man einen Umkehrschluss ziehen: Der Besitz der österreichischen Staatszugehörigkeit lässt keine zuverlässigen Angaben zu, wie viele der Kinder einen Migrationshintergrund haben. In weiterer Folge fehlen genaue Untersuchungen, inwieweit die deutsche Sprache tatsächlich angewendet wird, sei es in der Familie, sei es im Freundes- oder Bekanntenkreis gleicher Herkunft.

Die Gäste sind geblieben

Als in den 1960er-Jahren verstärkt Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nach Österreich kamen, nahm man noch an, dass ein Großteil von ihnen Österreich eines Tages wieder in Richtung Heimat verlassen würde. Generationen später sind diese Annahmen widerlegt. Der Wille, hier sesshaft zu werden und sich in die Gemeinschaft einzugliedern, ist zumeist gegeben. Allerdings war man langfristig gesehen nicht darauf eingerichtet. Auf schulpflichtige sowie ältere Kinder bezogen, heißt das, dass es an den Schulstrukturen hakt, da die Schulen nur selten auf die besonderen, interkulturellen Gegebenheiten vorbereitet und passend ausgerüstet sind. Leidtragende sind aber auch die Lehrkräfte, die, wenn überhaupt, meist nur unzureichend mit interkulturellen Kompetenzen ausgestattet sind. Dies gilt für Deutsch- und Fachlehrende gleichermaßen, denn letztlich werden auch die sogenannten Lernfächer in deutscher Sprache unterrichtet.

Die besagten 10 Prozent, die in den einzelnen Bundesländern leicht nach oben oder unten abweichen, teilen sich österreichweit folgendermaßen auf (die Daten gelten für das Schuljahr 2005/06): Von ca. 118.000 Kindern mit Migrationshintergrund entfielen rund 48 Prozent auf Wiens Pflichtschulen. In Vorarlberg waren es über 20 Prozent, in Salzburg knapp 17, in Oberösterreich über 15 und in Tirol knapp 13 Prozent. In den restlichen Bundesländern lagen die Zahlen jeweils zwischen 11 und 12 Prozent.

Es zeigen sich auch Erfolge

In Wien ist man sehr stolz darauf, dass die Zahl der Migrantenkinder an den Wiener AHS steigt und die Zahl der Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache an Sonderschulen geringer ist, als vergleichsweise in anderen Bundesländern. Man setzt verstärkt auf Förderprogramme, die langfristig greifen und eine Abschiebung des Kindes in niedrigere Schultypen verhindern sollen.

Im Jahr 2002 wurden knapp 15.000 Personen eingebürgert. ZuwanderInnen aus der Türkei, BR Jugoslawien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien bildeten die größte Gruppe ab. Weitere Länder, darunter asiatische wie die VR China sowie die Philippinen, waren ebenfalls vertreten.

Wie es funktionieren könnte - z.B.: Vietnamesen in Salzburg

In den späten 1970er-Jahren setzte eine vietnamesische Flüchtlingswelle ein, die bis Anfang der 1980er-Jahre dauerte. Ebenso wie andere österreichische Bundesländer gewährte das Land Salzburg den politisch Verfolgten Zuflucht und startete zusammen mit der Caritas ein Patenschaftsprogramm.

Von 130 Indochina-Flüchtlingen nahm das Land Salzburg ab dem Jahr 1979 25 Personen auf, weitere 105 fanden in Pfarrgemeinden des Bundeslandes ein Zuhause. Es galt, ein Sprach- und Bildungsprogramm, aber auch Arbeitsprozesse zu entwickeln, um die Vietnamesen so gut und so schnell als möglich in die österreichische Gemeinschaft zu integrieren.
Eine erste Erkenntnis lautete: Der vietnamesische Sprachstamm ist in keiner Weise mit den Stämmen der europäischen Sprachen zu vergleichen und es bedarf eines speziell ausgearbeiteten Unterrichtprogramms. Dieses wurde vom BFI Salzburg, damals mit Hilfe meiner Mutter, Nghia-Linh Englert, die bis heute als gerichtlich vereidigte Dolmetscherin für Vietnamesisch/Deutsch tätig ist, konzipiert und umgesetzt. Der Unterricht fand zweimal in der Woche abends statt und richtete sich an Erwachsene.

Eine weitere Erkenntnis war, dass damals für gut 80% der Vietnamesen der Verbleib in Österreich nur eine Durchgangsstation darstellte. Sie rechneten fest damit, eines Tages wieder zurückzukehren. Dies erklärt auch die anfangs zögerliche Haltung gegenüber der deutschen Sprache besonders bei den 25-40-Jährigen, die später aber abgelegt wurde.
Außerdem belegt dieser Umstand einmal mehr, dass Flüchtlinge und jene, die ihr Land nicht freiwillig verlassen haben, generell erstmal davon ausgehen, dass sie eines Tages wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Die Kinder und Jugendlichen besuchten eine sogenannte „Bunte Klasse“, in der ihnen die Grundzüge der deutschen Sprache relativ rasch geläufig wurden, so dass nach längstens einem Jahr alle in reguläre Schulen überwechseln bzw. - nach Absolvierung des Polytechnikums - eine Berufsausbildung starten konnten. Zweifellos war hier die so genannte Immersion, das heißt, das Eintauchen in eine authentische Umgebung und der Kontakt mit Einheimischen, mit ausschlaggebend für den großen Erfolg der raschen Aneignung der deutschen Sprache.

Die Kinder und Jugendlichen von damals sind heute zwischen 30 und 45 Jahre alt. Sie haben eine Lehre absolviert oder ein Studium abgeschlossen. Sie arbeiten in Unternehmen aller Größen: in der Buchhaltung, im Gastgewerbe und im Verkauf. Sie betreuen heute selbst Kinder oder geben Nachhilfe. Sie sind KFZ-Mechaniker und Maschinenbauer geworden oder sind freiberuflich tätig als MedizinerInnen und im Rechtsanwaltsbereich. Für viele ist die Mehrsprachigkeit innerhalb des asiatisch-europäischen Sprach- und Wirtschaftsraums bei der Berufswahl heute natürlich ein großer Vorteil.

Hervorzuheben ist an dieser Stelle besonders eine Absolventin der damaligen „Bunten Klasse“, die heute in der Lage ist, deutschsprachige Gesetzestexte korrekt auszulegen und die Verfasserin dieses Artikels alljährlich vor Verzweiflungstaten bewahrt, wenn es um die Steuererklärung geht.

Die Kinder dieser „Kinder und Jugendlichen von damals“ besuchen mittlerweile selbst Kindergarten, Hauptschule oder ein Gymnasium. Spätestens bei ihnen merkt man in sprachlicher Hinsicht nicht mehr, dass ihre Wurzeln in Asien liegen. Neben ihrer Muttersprache Vietnamesisch sprechen sie Schriftdeutsch und Salzburger Dialekt – in dieser Hinsicht sind sie den Eltern mittlerweile „überlegen“.

Der Grad der Bildung fußt auf Sprach- und Lesekompetenzen, deren Grundstein in frühester Kindheit gelegt wird. Dass Kinder aus sozial abgesicherten Familien das hiesige, stark selektive Schulsystem tendenziell besser bewältigen als jene aus sozial schwachen Familien, setzt sich in jenen mit Migrationshintergrund fort und erfährt hier eine gewisse Verschärfung: Schülerinnen und Schüler, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, besuchen vergleichsweise häufiger niedrigere Schultypen als österreichische Kinder und Jugendliche.

Es gilt, Kindern von MigrantInnen einen guten Start zu ermöglichen, damit auch sie langfristig gesehen von einer Chancengleichheit profitieren. Dazu gehört natürlich eine bald einsetzende Sprachvermittlung, die die Kinder ehest fit macht für Schule und Alltag.


Rebecca Englert Rebecca Tschi-Linh Englert


Zahlen, Daten und Hintergrundinformationen wurden folgenden Quellen entnommen:

Links

Interview von Reinhard Ehgartner mit Maria Ankowitsch und Eveline Schwarz, den Verfasserinnen von "Hallo Miro!"
Beitrag auf „Radio Salzburg“ aus dem Jahre 1980: "Die Kinder des Drachen": Vietnam-Flüchtlinge in Salzburg

 

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