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"Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zuviel Zeit, die wir nicht nutzen."
Seneca
Ehgartner : Interkulturelle Bibliotheksarbeit

Die Bibliothek als Begegnungsort der Kulturen

Einige Überlegungen zur interkulturellen Bibliotheksarbeit

 

© Guido Alvarez

von Reinhard Ehgartner | PDF-Version

Nachdem man im deutschen Sprachraum die Themen „Migration“ und „Integration“ lange Zeit vernachlässigt hatte, erfolgte in den 1990er-Jahren ein vorsichtiges Umdenken, das sich nach der Jahrtausendwende zu einer regelrechten Bewegung entwickelte: Migration sollte nun nicht mehr als ein Ereignis und Problem abgehandelt werden, mit dem sich in erster Linie die Betroffenen selbst auseinander zu setzen hätten, sondern das von der Gesellschaft aktiv in allen Bildungs- und Sozialbereichen aufgegriffen wird. Ein neues Bewusstsein sollte geschaffen werden, um daraus bessere Möglichkeiten gesellschaftlicher Integration zu entwickeln. Als erstes rückten die Schulen, in denen man die veränderte Zusammensetzung der SchülerInnen nach ihrer kulturellen Herkunft und ihren sprachlichen Ausdrucksformen unmöglich länger ignorieren konnte, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit – Bildungseinrichtungen wie die Bibliotheken folgten kurze Zeit später.

Es kam schließlich, wie es immer kommt, wenn ein neues zentrales Thema auf der gesellschaftspolitischen Tagesordnung nach oben rückt: Kommissionen traten zusammen, Papiere wurden verabschiedet, Arbeitsgruppen gebildet, Statistiken bemüht und Strategien entwickelt. Begriffe wie „Multikulturelle Bibliothek“ oder „Interkulturelle Bibliotheksarbeit“ waren rasch die zentralen Termini, mit denen man nach außen ging. Mit der Gründung einer Expertengruppe im Deutschen Bibliotheksverband und der Verabschiedung einer Erklärung der IFLA zur „Multikulturellen Bibliothek“ markierte das Jahr 2006 eine vorerst letzte Stufe der programmatischen Arbeit – die Papiere liegen auf dem Tisch.

All die offiziellen Schritte und Erklärungen können helfen, höhere mediale Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen, das Aufgabenfeld in der Breite zu verankern und es in den politischen Diskurs einzubringen. Sie sind aber keineswegs die Speerspitze einer Bewegung, sondern vollziehen etwas nach, das in vielen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum schon seit Jahren und Jahrzehnten entwickelt und gelebt wird. Dies ist auch keineswegs verwunderlich, denn Bibliotheken sind ihrem Wesen entsprechend immer schon interkulturell und integrativ und haben gelernt, auf soziale Veränderungen in ihrem Umfeld von sich aus zu reagieren.

Öffentliche Bibliotheken sind interkulturell und integrativ

Selbst in einem Umfeld, wo kaum Migrationsbewegungen wahrgenommen werden, erfüllen Bibliotheken eine wichtige Funktion in der Begegnung mit anderen Kulturen. Seit Jahrhunderten sind es vorzugsweise Bücher, die den Blick über die eigene Welt hinaus öffnen und in denen man anderen Lebensentwürfen, Denkweisen und kulturellen Ausdrucksformen begegnen kann. Kinder, die mit Michel durch Lönneberga ziehen, die Aufführung des „Fliegenden Klassenzimmers“ in einem deutschen Internat miterleben oder in der Baobab-Reihe in die Lebenswelt von Kindern anderer Kontinente eintreten, vollziehen damit Schritte einer Weltaneignung, die den eigenen unmittelbaren Erfahrungsraum überschreiten und Verständnis für andere Welten entwickeln. Für Erwachsene gilt natürlich das gleiche, in „Die Hundeesser von Svinia“ von Karl-Markus Gauß bin ich der Lebens- und Denkweise der Roma viel näher gekommen als in der Zeit, da ich in Ústí nad Labem unmittelbar mit ihnen zu tun hatte. Diese kulturelle Brückenfunktion von Literatur und von Bibliotheken, die den Perspektivenwechsel schult und den Möglichkeitssinn weckt, ist alt und vertraut – aber nach wie vor äußerst bedeutungsvoll. Interkulturelle Bibliotheksarbeit nach heutigem Verständnis geht noch drei Schritte weiter.

Schritt 1: Vom Objekt zum Subjekt

Interkulturelle Bibliotheksarbeit nimmt Menschen aus anderen Kulturkreisen als Zielgruppe ihrer Arbeit ernst und entwickelt ihr Angebot nach den speziellen Wünschen und Bedürfnissen. Die große Gefahr hierbei liegt darin, die bereits bestehenden Angebote nur auf der Ebene der Sprachen zu ergänzen. In der Vergangenheit hat das bisweilen zu Frustrationen geführt, wenn der neu aufgebaute Bestand türkischer Bilderbücher, serbischer Romane oder russischer Klassiker nicht angenommen wurde. Jede Kultur hat ihre spezifischen Formen des Lernens und des Umgangs mit Medien. Bibliotheken müssen sich aufmachen, die jeweils spezifischen Kommunikations- und Lernformen zu erfassen und in ihren Angeboten zu berücksichtigen.

Schritt 2: Vom Konsument zum persönlichen Gegenüber

Mit einem entsprechenden Medienangebot können Menschen mit Migrationshintergrund in Lernprozesse eintreten, wirkliches Lernen und Verstehen erfolgt jedoch immer in persönlicher Begegnung. Viele Bibliotheken entwickeln daher Ideen, um in Einzelveranstaltungen, Veranstaltungsreihen oder längerfristigen Projekten zwischenmenschliche Begegnungen zu initiieren. Von mehrsprachigen Bilderbuchkinos für die Kleinen über interkulturelle Entdeckungsreisen mit Jugendlichen bis zur Biographiearbeit mit Älteren gibt es mittlerweile umfassende Sammlungen an Materialien und Ideen, die auf diversen Projekthomepages zugänglich gemacht werden. Zugleich gilt es, die Menschen mit anderem kulturellem Hintergrund auch handelnd in die eigene Veranstaltungskultur und, wenn möglich, sogar in das eigene Team hereinzuholen. Interkulturelle Bibliothekarbeit ist vor allem dort stark, wo sie nicht nur FÜR neue Zielgruppen Angebote entwickelt, sondern MIT ihnen.

Schritt 3: Vom individuellen Angebot zum vernetzten Handeln

Bei vielen Themen empfiehlt es sich, dass die Bibliothek Kooperationen mit anderen Einrichtungen sucht – beim Thema „Integration“ ist dies geradezu unerlässlich. Das Knüpfen von Netzwerken des kulturellen Austausches und des gegenseitigen Verstehens kann nur dann erfolgreich sein, wenn man sich selber als Knotenpunkt in diesem Netzwerk versteht und bereit ist, sich mit anderen verknüpfen zu lassen. Nur im Austausch mit der eigenen Kommune, mit Kindergärten, Schulen, sozialen Stellen, anderen Bildungseinrichtungen und diversen Vereinen erhält man ein differenziertes Bild der kulturellen Vielfalt mit ihren Chancen und Problemen. Ein weiterer Grund für die Unverzichtbarkeit kooperativen Handelns liegt in der Komplexität des Themas. Wer schafft es, einen Bibliotheksflyer auf Serbisch zu verfassen, die Qualität eines arabischen Bilderbuches zu beurteilen, einen in kyrillischem Alphabet verfassten Roman zu katalogisieren oder ein gewünschtes Buch aus Tschechien zu besorgen? All dies sind Herausforderungen, die nur in einem Netzwerk wechselseitiger Unterstützung und in der internationalen Kooperation von Fachstellen bewältigt werden können. Diese Netzwerke sind im Wachsen, es gilt, die Arbeit mit ihnen und in ihnen zu üben.

Die Zukunft ist interkulturell

Wenn man das Thema nur als eine weitere Zusatzaufgabe der Bibliotheken versteht, übersieht man die Bedeutung interkultureller Bibliotheksarbeit für die Zukunft. Österreichweit bildet die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund einen Bevölkerungsanteil von 17,3 %, das ist höher als die österreichische Bevölkerungsgruppe der unter 15-Jährigen. Niemand käme auf die Idee und keine Bibliothek könnte es sich leisten, diese Altersgruppe mit ihren speziellen Bedürfnissen und Wünschen am Rande liegen zu lassen. Alle Prognosen gehen davon aus, dass der Anteil von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkünfte auch in Zukunft noch weiter steigen wird. Unsere Welt wird vielfältiger und bunter. Bibliotheken sind Orte, wo diese Buntheit in lebendigen Austausch miteinander gebracht werden kann. Unter www.lebensspuren.net hat sich das Österreichische Bibliothekswerk in Kooperation mit vielen anderen Einrichtungen darangemacht, die Bibliotheken in den Mittelpunkt spannender Begegnungen zwischen den Kulturen zu rücken.


Reinhard Ehgartner ist Geschäftsführer des Österreichischen Bibliothekswerks, Leiter des Projekts „LebensSpuren: Begegnung der Kulturen“ und ehrenamtlicher Bibliothekar der ÖB Michaelbeuern. Dieser Artikel erschien in "Zum Lesen" dem Infoblatt des bibliotheks verbands südtirol. (Ausgabe 1/2010: PDF-Version)


 

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  Zum Lesen 1/2010 (PDF)
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