Den tieferen Schichten der eigenen Kultur auf der Spur
Ein Theaterprojekt im Salzburgischen Leogang
Jeder Ort und jede Region trägt in sich eine Geschichte, die bisweilen bekannt oder unbekannt, stolz oder verschämt, vergessen oder verdrängt den Geist, das Denken und das Fühlen dieses Raumes wesentlich mitbestimmt. Wenn die Theatergruppe "ortszeit" einen solchen Raum betritt und ihn künstlerisch erspielt und erkundet, so werden solche tiefer liegenden Schichten freigelegt und in die Wahrnehmung und Auseinandersetzung der Gegenwart gehoben.

"Almenrausch und Edelweiß" - ein Wildererdrama
Auf diese Weise sind in den letzten Jahren in Leogang drei Stücke entstanden, die wesentlich mit diesem Ort, seiner Kultur und seinem Wesen zu tun haben. ALMENRAUSCH UND EDELWEISS ist das erste Projekt, das sich auf diese Weise mit der Landschaft auseinandersetzt. Auf dem Großen Asitz (1.914 m) in Leogang im Pinzgau fanden im Juli und August 2006 zwölf Vorstellungen eines Wilderer-Dramas des Ganghofer-Zeitgenossen Hans Neuert statt. In einem zweijährigen Recherche- Prozess wurde aus dem Theatertext von 1902 eine Stückvorlage entwickelt, die sich konkret auf die Gegebenheiten vor Ort bezieht.
Zwanzig Darsteller – Sänger, Musikanten und Schauspieler –
verkörpern über den Berg verteilt in insgesamt 13 Szenen eine archaische Geschichte um Liebe, Eifersucht und Tod. Die Zuschauer verfolgen auf drei Wegen
synchron das Geschehen aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven. Auf diese
Weise wird das Stück zur Almwanderung, von der Sennhütte zum Bergsee, vom
Erbhof in den Salzburger Arrest und wieder zurück. Besonders reizvoll ist dabei die
Widersprüchlichkeit der Landschaft: Gelegen gegenüber den Leoganger Steinbergen
bietet der Große Asitz ein ideales Naturpanorama. Gleichzeitig ist der Berg durch die
touristische Nutzung als Schigebiet stark verändert. Das Aufeinanderprallen einer
hundert Jahre alten Geschichte und der heutigen Lebenswirklichkeit des Berges
bietet immer wieder verblüffende Überlagerungen, wobei die Imaginationskraft des
Theaters mühelos den Bogen von der Liftstation zur Almhütte spannt. Die
Bewegung, die innerhalb des Stückes stattfindet, webt ein Netz über die Landschaft,
das ihre aktuelle Wirklichkeit in die Wirklichkeit der erzählten Geschichte integriert.
Jede Figur, jeder Zuschauer, jedes Tier, das sich im Bereich dieses Netzes bewegt,
wird zum Mitspieler. Die Geschichte von 1902 verhält sich dabei zur Situation im
konkreten Aufführungsmoment wie ein Vexierbild: Je nachdem, worauf der
Zuschauer das Auge richtet, nimmt er die heutige Gestalt der Landschaft wahr oder
taucht ein in ihre Vergangenheit.

"Erzgang" - das Eintauchen in die Magie des Berges
ERZGANG ist die zweite Produktion, in der o r t s z e i t die verdeckten Schichten
regionaler Identität befragt. Vom Mittelalter bis in die 1970er Jahre war Leogang ein
Bergwerksort; seit über 3.000 Jahren wurden im Schwarzleo-Tal unter anderem Silber,
Nickel, Kobalt und Magnesit abgebaut. Ein 1989 eingerichtetes, eindrucksvolles
Schaubergwerk gewährt noch immer Zugang ins Innere der Erde.
ERZGANG nimmt die Bergbauvergangenheit Leogangs zum Anlass, die merkwürdige
Geschichte des Elis Fröbom zu erzählen, die sich im 16. Jahrhundert im schwedischen
Falun ereignet hat: Der Bergmann wurde am Tag vor seiner Hochzeit in der Grube
verschüttet. – Viele Jahre später, beim Vortreiben eines neuen Stollens, fand man den
Leichnam eines jungen Mannes. Körper und Kleidung waren unversehrt, als ob er gerade
eingeschlafen wäre...

"Protestanten" - die Geschichte einer Entscheidung und Vertreibung
1731, nach zweihundert Jahren geheimer Religionsausübung entschließen sich die Salzburger Protestanten, erstmals öffentlich ihren Glauben zu bekennen. In der Folge müssen sie zu Tausenden ihre Heimat verlassen.
PROTESTANTEN! erzählt die Geschichte dieses Aufbruchs. Das Stück setzt ein in dem Moment, in dem nach einer landesweiten Versammlung der folgenschwere Beschluss gefasst wird, sich nicht mehr länger zu verstecken. In einer Mischung aus Sorge und Euphorie machen sich die Protestanten auf, um sich vor der weltlichen und geistlichen Obrigkeit zu bekennen: „Wir wissen nicht, ob sie uns umbringen, des Landes verweisen oder Prediger genehmigen werden...“
Aus Prozessmaterial, Briefen, Missionsakten, Verkaufs-Dokumenten und anderen Quellen wird in einer dreimonatigen Probenphase ein Stück entwickelt, das die Vorgänge in Leogang zum Anlass nimmt, um die Frage nach den Grundlagen einer solchen Entscheidung zu stellen: Was ist stärker als die Loyalität zum materiellen und immateriellen Erbe der Ahnen? Woraus entsteht ein Gewissen, das sich in erster Linie dem eigenen Erleben, der eigenen inneren Stimme verpflichtet fühlt? Welche Vorstellungen vom Neuen ermöglichen den Abschied aus der Geborgenheit einer jahrhundertealten Tradition? Und wie wirkt sich ein solcher Aufbruch auf die Wirklichkeit derer aus, die bleiben? PROTESTANTEN! ist eine Geschichte von Bekennen und Vertreibung, von einem Paradigmenwechsel im menschlichen Selbstverständnis, der es ermöglicht, das eigene Leben neu zu verorten und in eine persönliche Verantwortung zu treten.
So wie sich die Theatergruppe "ortszeit" an die Freilegung von Geschichte und Geschichten macht, können auch Öffentliche Bibliotheken die Orte sein, an denen sich Fenster und Türen in die wechselvolle Vergangenheit der eigenen Kultur eröffnen. Dunkle, lichte, vergessene oder verdrängte Ereignisse können hier zur Sprache gebracht werden - offeriert auf Thementischen, präsentiert in Vorträgen, diskutiert in Veranstaltungen.
In Form von kleinen Geschichtswerkstätten kann man sich an die Freilegung der eigenen Vergangenheit machen und so die Bibliothek zu einem Ort der Begegnung mit den eigenen kulturellen Herkünften machen.





