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"Einst träumten wir, wir wären einander fremd. Wir wachen auf und erkennen, daß wir uns lieb haben."
Rabindranâth Tagore
Interkulturelles Projekt Bruneck

„Komm in die Bibliothek“

Die Bibliothek als Ort der Integration und der interkulturellen Begegnung


Stadtbibliothek Bruneck Ein Projekt der Migrantenberatungsstelle INPUT, der Caritas und der Stadtbibliothek Bruneck (Südtirol)
Im Sommer 2008 lief die Planung für die Initiative an, im Herbst konnten wir so richtig starten und seitdem läuft unser gemeinsames Projekt, dem wir den Namen „Komm in die Bibliothek – Vieni in biblioteca“ gegeben haben.

 

Die Anfänge

Die Migrantenberatungsstelle INPUT der Caritas hatte 40 Büchlein in fremden Sprachen angekauft, in Hindi, Arabisch, Chinesisch. Und Edina Pusztai von der Migrantenberatungsstelle hatte die Idee, damit ein interkulturelles Literaturprojekt zu initiieren. Denn über das Medium Literatur lässt sich die Unterschiedlichkeit von Kulturen wohl besonders gut vermitteln. Aus dieser Grundidee, die größtenteils auch jetzt noch gilt, ist ein Projekt mit den folgenden Zielen entstanden:

•   Personen mit Migrationshintergrund lernen die Kultur der westlichen Welt über das Medium Buch kennen.
•  Die einheimische Bevölkerung wird für Lebenswelt und Kultur der in Bruneck ansässigen Migranten sensibilisiert.
•  Die Migranten-Familien werden für die Bedeutung des Schrifttums insgesamt und des Buches im Besonderen sensibilisiert.
•   Den Migranten-Familien wird Unterstützung im Erlernen der Landessprachen geboten.
•  Der interkulturelle Austausch wird angeregt.

Die Maßnahmen

Um die gesetzten Ziele zu erreichen, haben wir eine Reihe von Maßnahmen geplant und Schritt für Schritt durchgeführt. Sie lassen sich in folgende Bereiche gliedern:

Bereitstellung von Medien

Dem gezielten Bestandsaufbau kommt sicher die größte Bedeutung zu. Gleichzeitig liegt darin auch die größte Herausforderung: Welche Medien sollen angekauft werden? In welchen Sprachen? So wissen wir, dass z.B. in Bruneck Personen albanischer, serbischer, kroatischer, ungarischer, indischer, pakistanischer, slowakischer, russischer, chinesischer Abstammung leben. Es ist weder sinnvoll noch finanziell und technisch möglich, alle Gruppen zu bedienen. Daher haben wir, auch um dem Grundgedanken des Projektes treu zu bleiben, beschlossen, beim Aufbau des Bestandes folgende Richtlinien zu verfolgen:
Grundsätzlich geht es nicht darum, einen Medienbestand in fremden Sprachen aufzubauen, so dass z.B. Albaner in der Stadtbibliothek Bücher in Albanisch finden. Die Bücher in den Sprachen der Migranten haben vielmehr Brückenfunktion.

a) Aufbau eines eigenen Bestandes für die Zielgruppe mit Migrationshintergrund

• Medien für Kinder im Alter von 5 – 10 in Albanisch, Serbisch, Urdu, Hindi (das sind jene Gruppen, die am stärksten vertreten sind), vorzugsweise Übersetzungen europäischer Autoren bzw. Medien, die die Begegnung mit westlicher Kultur ermöglichen. Der Zielbestand beträgt 50 Medien pro Sprache.
• Kindermedien in Albanisch, Serbisch, Urdu, Hindi; jeweils in Kombination mit Deutsch oder Italienisch, auch hier vorzugsweise Übersetzungen europäischer Autoren und Ausrichtung auf die Begegnung mit westlicher Kultur.
• Wörterbücher, Sprachlernmaterialien, Sprachkurse für Kinder und Erwachsene, die Italienisch oder Deutsch lernen
• einfache Literatur in Deutsch und Italienisch, auch diese mit der Grundausrichtung, dass es sich um Bücher handelt, die einen Einblick in die westliche Kultur vermitteln.
• einfache Bilderbücher, Kinderbücher und Comics in Italienisch und Deutsch.

b) Aufbau eines eigenen Bestandes für die Zielgruppe „einheimische Bevölkerung“

• Grundbestand an Belletristik und Sachmedien zu den Themen „Migration, andere Kulturen ...“, immer mit Blick auf die in Bruneck lebenden Nationalitäten.
• Ankauf von DVDs, die man in der Muttersprache der Migranten und in Deutsch oder Italienisch anschauen kann
• evtl. CD-Reihe „music from the tealands“ oder ähnliches.

c) variabler Bestand

Um den Bestand mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln möglichst aktuell und attraktiv zu halten, wird er durch Buchpakete aus spezialisierten Bibliotheken ergänzt (z.B. Centro multilingue, OEW, Biblioteca culture del mondo).

Präsentation des Bestandes

Die Medien werden in der Ecke „Begegnungen / incontri“ präsentiert. Alle Medien, die Eigentum der Stadtbibliothek sind, sind mit dem entsprechenden Symbol versehen und im Bibliotheksprogramm mit dem Interessenkreis „Begegnungen / incontri“ gekennzeichnet. Der variable Bestand wechselt im Rhythmus von 3 Monaten. Themen können z.B. sein: Präsentation von Medien zu jeweils einem Land, einem Kulturkreis, je nach aktuellem Anlass (Romane, Reiseführer …); Medien zum Erlernen der Sprachen Deutsch oder Italienisch, Sprachen auf Reisen...
Zusätzlich zur Präsentation des Bestandes werden in der Ecke alle Materialien ausgestellt, die zum Thema passen bzw. für Migranten hilfreich sein können (z.B. Hinweise auf Veranstaltungen und Kurse, Arbeitsergebnisse der Gruppe „Leitbild zur Verbesserung der Integration von MigrantInnen im Pustertal“).

Vorlesestunden für Kinder im Vorschulalter

Um die Begegnung zwischen den Kulturen zu fördern, bieten wir zweisprachige Vorlesestunden an. Im Frühjahr 2010 sind dies z.B.:
• 22. März, 15.00 Uhr: serbisch-deutscher Märchennachmittag mit Natasha Mustafic
• 12. April, 15.00 Uhr: Märchennachmittag kosovoalbanisch – italienisch mit Anita Pergjoka
• 8. Mai, 10.30 Uhr: Märchenvormittag hindideutsch mit Ajeet Bedi Singh

Veranstaltungen für Erwachsene

Teil des Konzeptes ist zudem die Veranstaltungsreihe „Land, Leute und Literatur aus ...“. Ziel der Abende, die stets von Personen aus dem jeweils vorgestellten Land gestaltet werden, ist es, der einheimischen Bevölkerung einen kleinen Einblick zu geben in die Geschichte, Kultur, Literatur ... jener Länder, denen die in Bruneck und im Pustertal lebenden Migranten angehören. Ausgangspunkt ist ein Buch aus dem jeweiligen Land. Im Zeitraum Herbst 2009 und Frühjahr 2010 wurden folgende Veranstaltungen durchgeführt:
• 28. Oktober, 20.00 Uhr: Literaturabend Kosovo mit Leon Pergjoka (Buch: „Die Laute des Abendlandes“ von Gregory Fishta)
• 17. März, 20.00 Uhr: Literaturabend Slowakei und ungarische Minderheiten in der Slowakei
mit Eva Papp (Buch: „Le campane di Einstein“ von Lajos Grendel)
• 24. März, 20.00 Uhr: serbischer Literaturabend mit Milan Velickovic und Tanja Simic (Buch: „Die Brücke über die Drina“ von Ivo Andric).

Information und Werbung

Ein Brief, der mit Unterstützung der Migrantenberatungsstelle INPUT der Caritas in verschiedene Sprachen übersetzt wurde (Urdu, Arabisch, Serbisch, Spanisch, Französisch, Albanisch, Englisch), bringt Personen mit Migrationshintergrund die Angebote der Bibliothek in ihrer eigenen Sprache näher. Dieser Brief wurde 2008 über INPUT den Migrantenfamilien in Bruneck und im Pustertal geschickt. Bei Neueinschreibungen von Personen mit Migrationshintergrund geben wir den Brief stets mit. Um vor allem einheimische Leser/innen über das Projekt zu informieren, hat das Team der Stadtbibliothek einen Folder gestaltet, der jährlich aktualisiert wird.

Resümee

Herausforderungen und Schwierigkeiten

Für das Bibliotheksteam stellt das Projekt eine nicht unbeträchtliche Herausforderung dar: So ist es z.B. äußerst schwierig, geeignete Medien zu finden und diese dann auch tatsächlich ankaufen zu können (von der Katalogisierung ganz zu schweigen). Auch die Frage des Budgets bedarf einer Klärung, ist es doch meist so, dass nur zu Beginn eines Projektes finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Schließlich ist der Zeitaufwand für Planung, Organisation, Pflege der Kontakte, ... nicht zu vernachlässigen. Denn Erfolge stellen sich wohl auch erst dann ein, wenn kontinuierlich und vor allem beharrlich an der Fortführung und Weiterentwicklung des Projektes gearbeitet wird. Und dazu ist die Zusammenarbeit mit Institutionen, die sich vor Ort mit der Thematik auseinandersetzen, wie in unserem Fall mit der Migrantenberatungsstelle INPUT der Caritas, unerlässlich.

Erfolge

Erfolge lassen sich in diesem Bereich wohl nicht unmittelbar messen und auch nicht unbedingt beziffern. Trotzdem können wir feststellen, dass Migrantinnen und Migranten, die sich bei uns einschreiben, zu regelmäßigen Besuchern werden. Was den Bestand anbelangt, sind vor allem Medien zum Erlernen der deutschen oder italienischen Sprache gefragt. Oft werden Wünsche nach Medien geäußert, die wir freilich nicht immer erfüllen können bzw. auch nicht erfüllen wollen (z.B. Bücher in albanischer Sprache für Erwachsene). Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Bibliothek von den Migranten verstärkt wahrgenommen wird, sind z.B. spezielle Führungen, so z.B. für eine Gruppe von interkulturellen Multiplikatoren im November 2009 oder Führungen für Kinder und Jugendliche, die in der Bibliothek von Lesementorinnen betreut werden. Erwähnenswert, wenn auch nicht Teil dieses Projektes, sind zudem die ehrenamtliche Mitarbeit eines Jugendlichen aus Marokko und eines zweiten aus Serbien in der Bibliothek (jeweils zwei Stunden pro Woche bis zum Ende des Schuljahres).

Ein Wunsch

Derartige Projekte verlangen einen langen Atem und viel Einsatz von Seiten der Bibliothekarinnen. Unterstützungsangebote von zentralen Stellen könnten die einzelne Bibliothek entlasten und zudem wichtige Impulse setzen. Dazu gehören z.B. Medienpakete, die zentral zusammengestellt und an die einzelnen Bibliotheken verliehen werden.

 


 

Barbara Irsara Sonja Hartner   

Barbara Irsara und Sonja Hartner
Stadtbibliothek Bruneck

  zum lesen / BVS  

Dieser Beitrag erschien in "zum lesen : infoblatt bibliotheksverband südtirol" Ausgabe 1/2010 mit dem Thema "Interkulturelle Bibliotheksarbeit". Mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen.

 

 

 

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